Streichhölzer

Guggolz Verlag, Berlin 2025
ISBN
9783945370483
Gebunden, 221 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Aus dem Isländischen von Tina Flecken. Ásta Sigurðardóttir (1930-1971) war eine Ausnahmeerscheinung. Schon ihre erste Erzählung 1951, "Sonntagabend bis Montagmorgen", sorgte für Aufsehen, da sie nicht in die beschauliche isländische Gesellschaft passte. In ihrem Leben, das geprägt war von Liebschaften, Schwangerschaften und Kindern, von Unmengen an Alkohol und unbändigem Schaffensdrang, fand Ásta weder Ruhe noch Frieden. Umso erstaunlicher sind Präzision und Radikalität ihrer Geschichten. Jede der 13 Geschichten, die sie bis zu ihrem frühen Tod verfasst hat, steht wie ein Solitär für sich. Ihre Figuren zählen nicht zum klassischen Literaturrepertoire, es sind Tagediebinnen, junge Frauen, die sich nicht für ihr sexuelles Begehren schämen, verschüchterte Kinder, einsame gealterte Damen: beschädigte und überforderte Existenzen, getrieben von unstillbarer Sehnsucht.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.04.2025
Rezensentin Christiana Pöhlmann liest mit den Erzählungen von Ásta Sigurdardóttir Geschichten isländischer Frauen, die sich ganz von der üblichen Art und Weise abheben, in der isländische Sagen sonst so erzählt werden. Normalerweise spielten die Ahnenreihen eine wichtige Rolle, bei Sigurdardóttir aber stolpern die Figuren meist alleine durch ihr chaotisches Leben, so Pöhlmann. So liest sie von einer Frau, die wegen ihres sexuellen Begehrens von einer Künstlerparty geschmissen und dann möglicherweise - so ganz wird das nicht aufgelöst - Opfer einer Vergewaltigung wird, aber auch einem Mann, der seine Familie aus dem Haus geekelt hat oder einen Schwangeren, die sich zwischen ihren individuellen Wünschen und den Erwartungen der Gesellschaft hin- und hergerissen fühlt. Nicht nur die Tiefenbohrungen in die Verfasstheit der isländischen Gesellschaft überzeugen die Rezensentin, auch sprachlich ist sie beeindruckt: Der Regen beispielsweise fällt nicht einfach hinab, sondern die Regentropfen "trudelten zur Erde wie dem Tode geweihte Nachtfalter." Ein wichtiges Buch nicht nur der isländischen, sondern der europäischen Nachkriegsliteratur, schließt sie.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 07.03.2025
Rezensentin Julia Schröder nimmt die Erzählungen der Isländerin Asta Sigurdardottir in der Übersetzung von Tina Flecken als Einladung zum Kennenlernen der leider zu früh verstorbenen Autorin, die 1951 debütierte. Die Erzählungen im Band changieren laut Schröder schnell zwischen Nahaufnahme und Totale, zwischen hell und dunkel, sind aber größtenteils recht finster und vor allem für ihre Entstehungszeit recht tabulos. Es geht um Betrunkene, Obdachlose und Verlorene in den autobiografisch gefärbten Texten, die laut Schröder mit Märchen und Sagen, aber auch mit den gesellschaftlichen Umbrüchen in Island unterfüttert sind. Direkte Psychogramme und sinnliche Eindrücke wechseln einander ab, so Schröder.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 07.03.2025
Einmal mehr entdeckt der Guggolz Verlag eine großartige Erzählerin der Vergangenheit durch seine Übersetzung ins Deutsche, lobt Rezensent Rainer Moritz. Die Isländerin Ásta Sigurdardóttir wuchs 1930 auf einem Bauernhof auf, zog im Alter von 14 Jahren nach Reykjavík, bekam ihr erstes von sechs Kindern, machte sich als Literatin und Künstlerin einen Namen und sorgte mit ihrem Auftreten und ihrer Kunst für Skandale, weiß der Rezensent. Im Alter von 41 Jahren fiel sie dem Alkohol zum Opfer. So kann man also annehmen, dass die bedrückenden Geschichten in "Streichhölzer" auch Ausdruck der eigenen Erfahrungen ihrer Autorin, ihres eigenen Leidens sind, meint Moritz. Es sind Geschichten über Gewalt, Armut und Mühsal, über Alkoholexzesse, Abtreibungen, Wut und Resignation, lesen wir. Sigurdardóttir erzählt davon auf unerbittliche, erschütternde Weise, so Moritz. Beeindruckend ist auch die stilistische Diversität der Sammlung, die dennoch ein kohärentes Ganzes bildet, dank wiederkehrender Leitmotive. Eine "wahre Entdeckung", so Moritz' Resümee.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 27.02.2025
Ziemlich verwegen erscheint die Isländerin Asta Sigurdardottir der Rezensentin Judith Leister nicht nur aufgrund ihrer äußeren Ähnlichkeiten zu Stars des goldenen Hollywood-Zeitalters, sondern vor allem wegen ihrer Erzählungen, die kaum einen menschlichen Abgrund aussparen, so die Kritikerin. Die Autorin hatte ein recht unstetes Leben, ein uneheliches Kind, fünf eheliche, die in Pflegefamilien aufwuchsen, sie selbst hat als Aktmodell gearbeitet und geschrieben. Leister attestiert schon ihrer ersten Erzählung einen "unverwechselbaren Ton": Eine betrunkene Frau strakst durch die Stadt, entkommt nur knapp einer Vergewaltigung und wird dann von Hafenarbeitern verpflegt, "wie mit wackliger Handkamera" wird das erzählt, . Kontrollverlust spielt ebenso eine Rolle wie männliches Besitzdenken, stets mit Sinn für das Atmosphärische geschildert, lobt die beeindruckte Kritikerin.