Die Unbehausten
Roman

dtv, München 2025
ISBN
9783423284639
Gebunden, 624 Seiten, 26,00
EUR
Klappentext
Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren. Davon, was es bedeutet, eine Zuflucht zu haben in der Welt: Alles scheint um Willa Knox zusammenzubrechen: Als freie Journalistin steht sie ohne Aufträge da. Ihr Mann Iano verliert seine Professur, Sohn Zeke ist gerade Vater geworden - aber alleinerziehend. Und ihr schwerkranker Schwiegervater schwärmt vom "Megafon", dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten. Am selben Fleck, 150 Jahre zuvor, freundet sich ein Lehrer namens Thatcher mit seiner eigenbrötlerischen Nachbarin an. Die Naturforscherin Mary Treat steht in lebhaftem Austausch mit Charles Darwin, doch in der verschworenen Ortsgemeinschaft wird die Theorie von der Evolution als Sünde angeprangert. Was verbindet diese Menschen über die Jahrhunderte hinweg? Ein viktorianisches Haus, das ihnen über dem Kopf einzustürzen droht - und eine Zeit, in der damals wie heute kein Stein auf dem anderen bleibt.
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Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 05.07.2025
Nicht nur sind langsam alle Mitglieder der Familie Knox arbeitslos geworden, erklärt Rezensent Peter Praschl die Prämisse von Barbara Kingsolvers Roman, jetzt haben sie auch noch ihr Haus verloren. Der Roman behandelt den Niedergang der amerikanischen Mittelschicht in den 2010er Jahren, die Unfähigkeit vieler, sich eine Krankenversicherung leisten zu können oder nach dem Studium hochverschuldet überhaupt noch einen Job zu bekommen, erfahren wir. Verknüpft ist die Geschichte der Familie Knox mit der der Familie, die ein paar Generationen davor im selben Haus gelebt haben, ein betrügender Ehemann und seine Frau, die Praschl zum Teil etwas zu resolut und tapfer findet. Ihm hätte das Buch noch besser gefallen, wenn die Figuren mehr Entwicklung gezeigt hätten, anstatt sie zu Vehikeln zu machen, die in erster Linie die Handlung vorantreiben sollen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 26.06.2025
Die amerikanische Mittelstandsfamilie Knox-Tavoularis steht vor einem großen Problem: Ihr geerbtes Haus bricht auseinander, skizziert Rezensentin Petra Pluwatsch den Ausgangspunkt des neuen Romans von Barbara Kingsolver. Anhand der Familie zeigt die Autorin, was alles schiefläuft in Amerika, die Mutter Willa findet keinen Job mehr, der Vater Iano ist ein "gebildeter Nomade", der sich an den Unis von Job zu Job hangelt, die Tochter Tig hat ihr Studium vor lauter Klima-Hoffnungslosigkeit abgebrochen, erfahren wir. "Schonungslos" nennt Pluwatsch diese Schilderungen von Kingsolver, die sie mit noch einem zweiten Erzählstrang verbindet, der eine andere Familie vor 150 Jahren zeigt, die sich wiederum aufreibt zwischen Fortschritt und Konservatismus und einer neuen Weltordnung. Die Kritikerin findet diesen Roman zwar nicht ganz so gut wie den Vorgänger "Demon Copperhead", liest ihn aber mit seiner schlaglichtartigen Beleuchtung US-amerikanischer Probleme dennoch gern.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 13.06.2025
Schon die Ausführlichkeit, mit der Rezensentin Tanya Lieske ihr Lob für Barbara Kingslovers Familienroman formuliert, kann als Zeichen der Wertschätzung gelesen werden für einen Roman, der sie weniger durch Originalität oder literarische Raffinesse überzeugt, als durch das handwerkliche Können der Autorin sowie seine politische Botschaft. Als "Umkehrung des New Journalism" beschreibt Lieske diesen literarischen Stil, mit dem Kingslover in ihrem Romanen die Auswirkungen von Machtstrukturen auf Einzelschicksale untersucht. In "Die Unbehausten" ist es eine amerikanische Mittelstandsfamilie, die unter den politischen und ökonomischen Verhältnissen während der ersten Trump-Kandidatur leidet. In einem geerbten, völlig maroden Haus "ohne Fundament" finden Willa Knox und ihre Angehörigen vorübergehend Obdach, um sich schließlich neu aufzustellen. Kingslover verwebt dabei Willas Schicksal auf geschickte Weise mit der Familiengeschichte des Wissenschaftlers Thatcher Greenwood, der in den 1870er Jahren im selben Haus lebte und mit ähnlichen Konflikten und Problemen konfrontiert war wie Willa. Es ist vor allem diese Parallelmontage, die Kingslovers Roman für die Rezensentin zu einer literarisch wertvollen Lektüre macht.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 12.06.2025
Nicht durchweg positiv bespricht Rezensentin Miriam Zeh Barbara Kingsolvers Roman, der zwei Familien ins Zentrum stellt, die dasselbe Haus in der Planstadt Vineland bewohnen. Allerdings in zwei verschiedenen Jahrhunderten, in der Gegenwart lebt hier Willa mit ihrer Familie, wobei das Haus baufällig ist und auch beruflich bei ihr und ihrem Mann vieles im Argen liegt. Eine zweite Familie, die Familie eines Naturwissenschaftlers, bewohnt in diesem reichhaltigen Roman dasselbe Haus im 19. Jahrhundert, kurz nach der Gründung Vinewoods, wobei, so Zeh, schnell klar wird, dass die idealistischen Versprechungen eines egalitären Gemeinwesens an der religiösen Intoleranz des Gründungsvaters Charles K. Landis scheitern werden. Das Buch zieht Parallelen zwischen Landis und Trump, beide sind sie falsche Propheten, während die Hauptfiguren des Romans stets auf der richtigen, wissenschaftstreuen Seite stehen, bemerkt die Kritikerin. Insgesamt gefällt ihr der Roman weniger gut als Kingsolvers Vorgänger "Demon Copperhead", was daran liegt, dass die Autorin ihrem Mittelklassepersonal als Romanfiguren wenig vertraut und sie dafür eifrig über Themen wie Wirtschaftswachstum dozieren lässt.