Goethes Gedichtsammlung "West-östlicher Divan" markiert einen Höhepunkt des dichterischen Austauschs zwischen Orient und Okzident. Inspiriert wurde Goethe von den Werken des persischen Dichters Hafis, in dem er einen Seelenverwandten - einen Zwilling, wie er selbst sagte - erkannte. Goethe selbst empfand sein Werk als noch unvollendet und hoffte auf einen künftigen Divan - der mit dieser Anthologie nun vorliegt. Nun haben 24 Dichterinnen und Dichter - je 12 aus dem "Westen" und aus dem "Osten" - in ihrer Muttersprache ein Gedicht verfasst. Thematisch orientieren sich die Gedichte an den zwölf Büchern des Divan Goethes. Eine Vielzahl prominenter deutschsprachiger Schriftstellerinnen und Schriftsteller - darunter Nora Bossong, Elke Erb und Lutz Seiler - haben die Übertragungen ins Deutsche erstellt. Alle Gedichte werden sowohl in der Originalsprache als auch in der Übersetzung abgedruckt. Ergänzt wird der Band durch vier Essays, die sich dem interkulturellen Dialog und der Frage der Übersetzung aus wissenschaftlicher Sicht nähern. Die Anthologie bietet ein vielstimmiges Panorama der globalen Lyrik und zeigt die entgrenzende Kraft der Literatur. Ein wichtiger Beitrag in einer Zeit, in der manche Grenzen lieber aufbauen als überwinden würden - und zugleich eine Feier des gemeinsamen kulturellen Erbes von Orient und Okzident.
Cornelia Jentzsch liest mit Freude den von Barbara Schwepcke und Bill Swainson herausgegebenen Band mit Texten zeitgenössischer Lyriker verschiedenster Sprachen, Nachdichter und Interlinearübersetzer sowie mit Essays zur Geschichte und Übersetzung von Goethes "Divan". Ob sich der syrische Dichter Adonis brieflich mir Goethe befasst, der 1945 im Libanon geborene Abbas Beydoun Marylin Monroe zu seiner Suleika macht oder die 1973 in Brasilien geborene Angélica Freitas das Selbstbewusstsein von Frauen behandelt, stets spürt Jentzsch, dass die Suche nach Schönheit, Weisheit, Liebe heute allerorten von Krieg, Politik und Fragen der Nationalität bedroht ist. Das Fazit des Bandes laut Rezensentin: Die Rolle der Dichtung als großer Menschen- und Welten-Verbinder bleibt.
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