Mit 82 SW- und 15 Farbabbildungen. "Gelebte Vita" war das Stichwort, mit dem Ernst Kris und Otto Kurz 1934 in ihrer bahnbrechenden Studie über die Künstlerlegende auf das psychologische Gebiet hinwiesen, das es noch auszuloten gelte. Die Autorin der vorliegenden Untersuchung setzt hier an und wendet diesen Hinweis in eine historisch-kritische Perspektive. In den Blick genommen wird die von Kris und Kurz nicht mehr untersuchte Phase der Biologisierung und Psychologisierung des Künstlers im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Die Künstlerlegende wurde zwischen 1880 und 1930 zur Krankengeschichte vermeintlich epileptischer, degenerierter und schizophrener Künstler. Anhand des breiten Spektrums von Krankheitsbildern der Neuropathologie und Degenerationstheorie wird erstmals erkennbar, wie wenig stringent und mit welch unterschiedlichen Werten und Zielen die Pathologisierung des Künstlers und seiner Lebensgeschichte eine wissenschaftliche Begründung erfahren sollte. So findet sich die Degenerationsthese, die vor und um 1900 noch das Argument einer biologistischen Kulturkritik war, während und nach dem 1. Weltkrieg in psychologisch-philosophischen Abhandlungen über den Künstler wieder. Hölderlin und van Gogh galten dabei als kranke Heroen höchster Empfindsamkeit in einer katastrophischen Moderne. Gerade die Unschärfe, Ambivalenz, ja auch Spekulation wissenschaftlicher Untersuchungen über den Künstler bot Kunstkritikern, Kunsthistorikern und nicht zuletzt Künstlern Anknüpfungspunkte, mit denen das Idealbild vom vorgeblich kranken Künstler bis heute fortgeschrieben wird.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.03.2011
Pluspunkt Nummer eins dieses Buchs: Die Aufmachung ist attraktiv und die Bilder sind qualitativ hochwertig. Pluspunkt Nummer zwei: Die Texte sind klug. Und originell. Eigentlich, meint Rezensentin Julia Voss, gibt es schon reichhaltige Literatur zur Frage der Künstlerlegenden und von Künstlerrollen auch in der Moderne. An der Auswahl der Künstler - Van Gogh, Kirchner, Klee stehen im Zentrum - liege das Originelle des Buchs nicht. Sehr schön aber verstehe Gockel zu zeigen, wie um 1800 ein Paradigmenwechsel im Künstlerbild stattfindet: von der Idee des Götterfunkens im Genie zu naturwissenschaftlichen Erklärungsversuchen fürs Außerordentliche. Anders gesagt: für die "Geisteskrankheit", die den Künstler macht, und das war dann weniger pathologisierend gemeint, als die spätere Rede von "entarteter Kunst" einen sofort denken lässt. Dies alles verständlich zu machen, sieht Voss als großes Verdienst. Da akzeptiert sie die Lektüremühen, die sich der Entstehung des Buchs als akademische Habilschrift verdanken, beinahe gern.
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