Es ist ausschließlich der "alte Felsenstein", der heute das Bild Walter Felsensteins (1901-1975) prägt. Die dokumentarische Biografie unternimmt es erstmals, den Fokus auf die ersten fünfzig Lebensjahre des bahnbrechenden Theatermannes zu richten. Sie lässt nachträglich verfälschende Erinnerungen beiseite und stützt sich kritisch auf zeitgenössische Quellen aus über 50 öffentlichen und privaten Archiven in vier Ländern. Hauptquelle sind die hier erstmals veröffentlichten Briefe an seine erste Frau Ellen Neumann sowie wesentliche Familienbriefe, die uns im innerfamiliären Dialog über Systemgrenzen hinweg erschließen, was Felsenstein jenseits diplomatischer und politischer Taktik dachte. Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf der bisher unerforschten Zeit von 1901 bis 1951. Die letzten vierundzwanzig, äußerlich glanzvollen, innerlich von zunehmender Isolation geprägten Lebensjahre werden schlaglichtartig beleuchtet, sofern sie die Themen dieses Buches spiegeln: Die Kontinuität seines durch Expressionismus, Ersten Weltkrieg und die Revolutionen von 1917ff. geprägten Schaffens und die Bewältigung der eigenen Vergangenheit.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 20.02.2016
Geradezu "uferlos" ist diese Dissertation von 1300 Seiten Umfang geworden, mit ihren gelegentlichen Redundanzen und Zeitsprüngen auch nicht eben einfach zu lesen, dennoch wagt es Marianne Zelger-Vogt nicht, Seiten auch mal gelassen zu überblättern, so dicht und reichhaltig ist das Material, das Boris Kehrmann für diese Studie über Walter Felsenstein, den Gründer der Komischen Oper in Berlin, verfasst hat. Und die ist nicht mehr bahnbrechend, da sich nach dieser Forschungsleistung die gängige Attributierung Felsensteins, für ein "realistisches Musiktheater" zu stehen, fortan nicht mehr ohne Weiteres aufrechterhalten lässt, so die Kritikerin: Kehrmann revidiere diese Auffassung "radikal" und weise in minutiöser Darlegung nach, dass Felsensteins Haupteinfluss tatsächlich im Expressionismus und dessen exaltierter Gestaltungsweise zu suchen sei. Die fälschliche Etikettierung sei von DDR-Funktionären in Folge sowjetischer Kulturpolitik lanciert worden, fasst Zelger-Vogt Brachmanns Thesen zusammen. Zu deren Untermauerung habe der Promovent sehr weit ausgeholt und Unmengen von Material ausgewertet, schreibt die Rezensentin weiter, was sich bereits im beträchtlichen Umfang ihrer Rezension wiederspiegelt, die zum überwältigenden Teil aus einem detaillierten Referat von Kehrmanns biografischer Forschung besteht. Dass der Autor sich eines Kommentars bei dieser Quellenarbeit enthält und seine Fundstücke für sich sprechen lässt, rechnet Zelger-Vogt ihm hoch an. Dennoch lässt sich zwischen den Zeilen auch ein deutliches Ächzen vernehmen: Zum Ende wünscht sich die Kritikerin dann doch, dass Kehrmanns Mammutwerk einer eingedampften Biografie Felsensteins als Grundlage dienen möge.
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