Eine Familie in Brüssel
Roman

Diaphanes Verlag, Zürich 2025
ISBN
9783035807561
Broschiert, 96 Seiten, 15,00
EUR
Klappentext
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. Die Mutter lebt in Brüssel in der großen Wohnung. Der Vater ist vor kurzem gestorben. Eine der Töchter lebt in Paris, die andere in Amerika, der Rest der Familie ist über die ganze Welt verstreut, verbunden durch das Telefon und die Toten. Eine Familie, in der man kaum miteinander spricht, außer um zu sagen, was es zum Essen geben wird, und das auch nur knapp.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 21.06.2025
Auf nur hundert Seiten schafft es die Regisseurin Chantal Akerman, ihre Familiengeschichte des Schweigens kraftvoll zu erzählen, konstatiert Rezensentin Manuela Reichart: Auf anspruchsvolle Weise werden zwei Erzählstränge miteinander verwoben, einer stammt von der Mutter, die einsam in ihrer Brüsseler Wohnung sitzt, der andere von der Tochter. Der Holocaust, dem die Eltern gerade so entkommen sind, wird beschwiegen, ebenso der Beginn der Ehe, das neue Leben soll im Wohlstand gelebt werden, erfahren wir. Reichart hat es hier mit einer "weiblichen Verdopplung der Erinnerung" zu tun, die versucht, dieses Schweigen zu unterbrechen und die dabei auch miterzählt, wie Akerman die Regisseurin werden konnte, die sie war, schließt die Kritikerin.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 17.06.2025
Spätestens jetzt ist klar, dass Chantal Akerman nicht nur eine hervorragende Regisseurin, sondern auch eine tolle Schriftstellerin ist, findet Nora Karches. Mit großer Empathie versetzt sich Akerman in ihrem 1998 erschienenen Buch in die Rolle ihrer Mutter und lässt diese erzählen. Manche kennen Natalia Akerman vielleicht aus diversen Filmen der belgischen Regisseurin, so Karches, und wenn ja, erkennt man sie hier definitiv wieder. Natalia drückt in Akermans Texten ihre Sehnsucht und Sorge über die Tochter aus, aber auch die Verzweiflung angesichts des nahenden Todes, das alles verpackt in einen "atemlosen Monolog", mit wenig Interpunktion. Das wirkt als "breche etwas nach langer Zeit endlich hervor"., so die Kritikerin: Denn auch das Schweigen spielt eine große Rolle in diesem Text: Die Mutter hat zwei Jahre in Auschwitz überlebt, darüber reden konnte sie aber nicht. Für Karches ein eindrücklicher Text, der vor dem Hintergrund von Akermans Suizid nach dem Tod ihrer Mutter eine weitere tragische Dimension bekommt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.05.2025
Die Filmemacherin Chantal Akerman, die sich 2015 das Leben nahm, schreibt in ihrem Roman, so Rezensent Bert Rebhandl, über Verlust, Erinnerung und familiäre Nähe - stets auf der Schwelle zwischen Sehen und Erzählen. "Eine große fast leere Wohnung", "eine Frau im Morgenmantel" - Akermans Sprache reduziert und verdichtet, lobt der Kritiker. Der Text, formal streng, erzählt vom Tod des Vaters, vom Verstummen der Mutter, beide Überlebende des Holocaust, und vom "zu viel denken" der Tochter. Erzählerwechsel geschehen fließend, Grammatik wird zur Erzähltechnik. Wie in ihren Filmen verschränken sich Perspektiven, staunt Rebhandl. Was bleibt, ist die Wärme kleiner Dinge, zum Beispiel gutes Essen: "das tut den Knochen gut". Ein stilles, kraftvolles Stück autofiktionaler Erinnerungsliteratur, schließt Rebhandl.