Was macht ein Land, das sich schwer tut mit dem Blick nach vorn? Es schaut zurück, es sucht nach Halt im Gestern. Christoph Dieckmann erzählt von der Macht des Vergangenen: Hitler verschwindet, Ulbricht kommt. Die DDR-Gewaltigen erscheinen auf der Tribüne und vor Gericht. Doch im Neuen lebt das Alte fort. Dieckmann zeichnet Kollektiv-Identitäten und warnt vor ihnen, falls sie den Einzelnen verbiegen oder Geschichte umlügen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 24.05.2005
Es die sechste oder achte Sammlung von Dieckmann-Reportagen, so genau kann sich Uwe Stolzmann nicht erinnern, aber, so versichert er, das Buch sei dennoch keine einfache Tageskost, da es sich bei Dieckmann einfach um einen ungewöhnlichen Schreiber handele: einen der wenigen Ostler, der es "ins gehobene westliche Feuilleton" geschafft habe. Was kann das anderes sein als die "Zeit", wo Dieckmann Reporter ist, der vorzugsweise die alte DDR erkundet und erklärt. Der neue Band zeige Dieckmann wie gewohnt als Geschichtsphilosophen, verkündet Stolzmann, der den Zuckungen der Vergangenheit nachspürt, zeige ihn auch wie gewohnt als "Archäologen des Alltags", der gerne kleine Leute porträtiert. Das Angenehme an Dieckmann ist für Stolzmann, dass dieser ein "Moralist ohne ideologische Gewissheit" sei, und diese Feststellung gibt ihm Anlass zu der Bemerkung, er empfinde Dieckmann neuerdings als müder, resignierter. Als sei das Thema Deutschland Ost nicht mehr lohnenswert oder eben abgearbeitet, so kommt es Stolzmann vor, weshalb die neuesten Reportagen auf ihn wie "schmerzhaft schöne Deja-vu-Erlebnisse" wirken.
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