Mit großen Hoffnungen und Erwartungen blickten vor dreißig Jahren die Osteuropäer auf die westliche Welt, und auch der Westen begann, seine östlichen Nachbarn wiederzuentdecken. Heute ist von dieser Aufbruchsstimmung kaum noch etwas zu spüren. Auf beiden Seiten wird inzwischen eher das Trennende als das Verbindende registriert. Sieht der Osten, den man einst mit offenen Armen empfing, überhaupt noch eine positive Zukunft in der Brüsseler Union? Und umgekehrt: Hat der Westen die Geschichte und Prägung Osteuropas jemals ernsthaft zu verstehen versucht? Die gegenseitigen Vorbehalte scheinen mit jedem Tag zu wachsen. Von einer Quarantänezone politischen Denkens ist bereits die Rede. Der Osten sträubt sich dagegen, als Relikt der Geschichte zu gelten und beharrt auf einer eigenen politischen Agenda. Dabei wäre es hier wie dort nur die Einsicht in das gemeinsame Erbe, welche die wachsende Kluft überwinden und den Weg in eine gemeinsame Zukunft bahnen könnte.
Rezensent Karl Schlögel liest die zwischen Essay, Glosse, Anekdote und Reisebericht changierenden kurzen Texte des Journalisten Johann Michael Möller als Einladung, den eigenen Horizont nach Osten hin zu erweitern. Mal dicht beschreibend, mal historisch reflektierend reist der Autor laut Schlögel zwischen Baltikum und Balkan und nimmt die Verwunderung über die eigene Beschränkung des Blickfelds immer mit. Die "Asymmetrie der west-östlichen Wahrnehmung" und ihre Ursachen stehen für Schlögel im Zentrum der Texte, wenn Möller Landschaften und Orte bereist und die Osteuropäer vor dem Vorwurf der Rückständigkeit in Schutz nimmt, aber auch bleibende Abstände konstatiert.
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