Aufregend schön war Istanbul schon immer. Für den Autor und viele andere Deutschtürken, die dort Freunde und Verwandte haben, war diese Stadt stets mit besonderen Gefühlen verbunden. Mit den Gezi-Protesten vom Frühjahr 2013 aber hat diese Bindung eine neue Dimension gewonnen: Istanbul ist nun auch politisch aufregend. Denn was als Protest gegen den Abriss eines Stadtparks in Istanbul begann, hat sich binnen weniger Tage zu einem landesweiten Aufstand gegen die islamisch-konservative AKP-Regierung und Erdogans autoritären Regierungsstil ausgeweitet. Mit der Härte des Polizeistaates und im Vertrauen darauf, die Hälfe der Bevölkerung hinter sich zu wissen, hat der Ministerpräsident die Proteste niedergeschlagen, vorläufig jedenfalls. Die sich wandelnde türkische Gesellschaft ist Thema dieses Buches.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 03.06.2014
Luisa Seeling stellt gleich drei Bücher über die Gezipark-Proteste vor, die allesamt von deutschtürkischen Autoren mit viel Sympathie für die Bewegung geschrieben wurden und in kleinen Verlagen erscheinen. Der taz-Autor Deniz Yücel bekennt sich ganz freimütig zu seiner einseitigen Sicht, wie Rezensentin Seeling schreibt - die hätten die Polizisten mit den Gummigeschossen und im Wasserwerfer schließlich auch. Aber seine lebendigen und zugleich präzisen Porträts weiß sie ebenso zu schätzen wie die Beschreibung der emotionalen Bindungen der jungen Deutschtürken beziehungsweise Almanci zum modernen Istanbul.
Iris Alanyali rechnet Deniz Yücels Reportage über die Gezi-Bewegung zum Besten, was es derzeit über die Türkei zu lesen gibt. So ein mitreißendes Buch über die vielen Facetten der türkischen Gesellschaft hat sie selten gelesen! Tatsächlich habe sich der taz-Reporter die Mühe gemacht, die ganzen Gruppen und Fraktionen aufzusuchen, die sich bei den Protesten für offenes Istanbul zusammengefunden haben: Kurden, Sexarbeiterinnen, Anarchisten, Antiimperialisten und natürlich auch die Antikapitalistischen Muslime. Weil Yücel bei aller Sympathie für die verrückten Istanbuler nie die Distanz verliert, wertet Alanyali auch die Euphorie des Autors als echten Pluspunkt.
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