"Meine Eltern kommen aus der Türkei." Alle Geschichten, die Özlem über sich erzählt, beginnen mit diesem Satz. Nichts hat sie so stark geprägt wie die Herkunft ihrer Familie, glaubt sie. Doch noch viel mehr glaubten das ihre Kindergärtnerinnen, die Lehrer, die Eltern ihrer Freunde, die Nachbarn. Özlem begreift erst als erwachsene Frau, wie stark sie sich mit dieser Zuschreibung identifiziert hat. Aber auch wie viel Einfluss andere darauf haben, wer wir sind. Özlems Wut darüber bahnt sich ihren Weg, leise zunächst, dann allerdings, bei einem Streit mit ihren Freunden, ungebremst: Von Rassismus ist die Rede und von Selbstmitleid, von Scham und Neid, von Ausgrenzung und Minderwertigkeitsgefühlen. Ihre Geschichte will Özlem von nun an selbst bestimmen und selbst erzählen. Wie das geht, muss sie erst noch herausfinden.
Samuel Hamen lernt den Alltagsrassimus aus doppelter Perspektive kennen in Dilek Güngörs neuem Roman. Wie eine junge Türkin selbst die Schablonen bedient, die ihr Umfeld in Deutschland ihr vorgibt, kann die Autorin laut Hamen glaubhaft vermitteln. Die ganze Widersprüchlichkeit der Figur zwischen Opferstatus und Agieren nach dem identitären Raster kommt laut Hamen lebensnah rüber. Dass der Band keine einfache Emanzipationsgeschichte erzählt, gefällt der Rezensentin gut, wenngleich seine erzählerischen Mittel eher begrenzt sind. Dass der Texte eher soziologisch analytisch stark ist als narrativ, szenisch, stilistisch, empfindet Hamen mitunter als Mangel.
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