Aus dem Japanischen von Martina Berlin. Die Figuren in Rampos dekadenter Welt werden von Lust, Eifersucht, Gier und Eitelkeit getrieben und spielen mit Tabus; nicht selten endet das Ganze in Perversion und Mord. Kein Wunder, dass das in der Zeit des japanischen Faschismus die Zensur herausforderte: Beispielsweise war die Erzählung "Die Raupe" komplett verboten.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.02.2006
"Klug komponiert" findet Rezensent Steffen Gnam diese acht Erzählungen des Begründers des japanischen Kriminalromans. In seinen "Geschichten des Wirklichen und Überwirklichen" erweist sich Edogawa Rampo aus Sicht des Rezensenten als "Meister der Verspiegelung, Verdopplung und Illusion". Gnam ist beeindruckt von der genauen Konstruktion einzelner Geschichten wie "Zwillinge" oder "Spiegelhölle", in denen für ihn außerdem exemplarisch das Spiel mit der Identitätsverwirrung getrieben wird. Immer wieder ist der Rezensent fasziniert vom Talent des Autors, seine Geschichten in ein an japanische Tuschzeichnungen erinnerndes "geisterhaftes Dekor" einzubetten. Gnam berichtet außerdem Interessantes aus der Rezeptionsgeschichte des Krimigenres in Japan, das seinen Informationen zufolge bis 1945 als "subversiv" gegolten hat.
Äußerst angetan zeigt sich der Rezensent Kolja Mensing von dieser "kleinen, sorgfältig edierten Auswahl" von Erzählungen des wohl "einflussreichsten Schriftstellern der japanischen Kriminalliteratur", Edogawa Rampo. Es war auch höchste Zeit für eine solche Ausgabe, meint Mensing, denn Rampos Erzählungen waren auf Deutsch bislang nur spärlich und meist in Anthologien zugänglich - und dass obwohl Rampo sich eindeutig in die Nähe der "westlichen Kriminaltradition" gerückt habe - wie übrigens schon an seinem Pseudonym deutlich werde, das den Namen Edgar Allan Poe in japanischer Aussprache mime. An der Erzählungen hat den Rezensenten beeindruckt, wie Rampo seine von Sadismus und Masochismus getränkten Figuren in "abgründige Szenarien mit düsteren sexuellen Untertönen" verstrickt. Man sei versucht, in Rampos "versehrten Leibern und vernarbten Seelen" den Zeitbezug zu den grausamen japanischen Eroberungskriegen herzustellen. Das wirklich Verblüffende sei jedoch nicht der reale Bezugspunkt, sondern "die geradezu bösartige Fantasie, mit der Edogawa Rampo seine Albträume bis ins letzte Detail ausstattet", und gegen die sich zeitgenössische japanische Horrorfilme geradezu harmlos ausnehmen.
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