Kischs Miniaturen über das Berlin der 1920er Jahre haben die Genauigkeit des Blicks von außen: Wie sieht es aus in einer Stadt, die erst wenige Jahrzehnte zuvor "Reichshauptstadt" wurde, nach einem verlorenen Krieg, der Flucht des Kaisers, in einer ungewohnten Republik? Und wie leben die Leute in dieser Riesenstadt, in die der Fortschritt verspätet und mit geradezu brutaler Gewalt einbricht: mit dem Elektrizitätswerk Rummelsburg, der Inflation, den Weltverbesserungsideen der Literaten im Café Größenwahn, der Polizei und ihrer Beute, mit Glühbirne und Grammophon. Aber der Reporter aus Prag vergisst auch nicht seine Landsleute in Rixdorf, dem "Böhmischen Dorf", er geht ebenso in die Schlachterläden wie zum Sechstagerennen, in spiritistische Sitzungen und zu Heiratsvermittlungen - immer mit Notizheft und offenen Ohren.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 16.07.2013
Ein Nachwort zu den hier versammelten Reportagen des imagehalber als "rasender Reporter" bekannten Egon Erwin Kisch vermisst Oliver Pfohlmann schmerzlich. Interessiert hätte den Rezensenten beispielsweise, warum sich der Autor in vielen der hier zu lesenden Texte an ein tschechisches Publikum wendet. Die Auswahl findet Pfohlmann jedoch gelungen. Ob Kisch über die Fährnisse des U-Bahn-Fahrens, über die erste Schönheitsklinik oder die Toilettenhäuschen berichtet - stets fühlt sich Pfohlmann von den literarisch-journalistischen Sahnestücken größter Vielfalt gut unterhalten.
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