La Storia

Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2024
ISBN
9783803133656
Gebunden, 768 Seiten, 38,00
EUR
Klappentext
Aus dem Italienischen von Maja Pflug und Klaudia Ruschkowski. "La Storia" ist die Geschichte der verwitweten Lehrerin Ida in den Jahren 1941 bis 1947. Bis zur Erschöpfung hetzt sie in Rom zwischen den Armenvierteln San Lorenzo und Testaccio hin und her, müht sich ab, ihre beiden Söhne durchzubringen. Nino, der ältere Sohn und präpotente Schwarzhemdträger, will lieber heute als morgen das Lyzeum verlassen und in den Krieg ziehen. Später findet er sich bei den Partisanen wieder. Der kleine Useppe, gezeugt bei einer Vergewaltigung durch einen jungen Wehrmachtsoldaten, immer heiter und neugierig, verbringt seine Tage allein in der Wohnung, manchmal in Gesellschaft des ebenso liebenswerten Hundes Blitz. Inmitten von Bombenangriffen, Hunger und Deportationen wächst Idas Angst, ihre jüdischen Vorfahren könnten der Familie zum Verhängnis werden.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.11.2024
Anlässlich der Buchmesse sind zwei italienische Klassiker in neuer Übersetzung erschienen, die Rezensent Niklas Bender genauer unter die Lupe nimmt: Elsa Morante widmet sich in ihrem Buch der Grundschullehrerin Ida, die jüdische Vorfahren hat und bei einer Vergewaltigung durch einen Wehrmachtssoldaten schwanger wird. Das kurze Leben des Sohnes Useppe wird dabei vor der Folie von Faschismus, Krieg und Nachkrieg geschildert, ihr anderer Sohn Nino verkörpert eine typische Biografie dieser Zeit zwischen Schwarzhemden und Widerstand, erfahren wir. Morante zeigt den Schrecken des Krieges und der Judendeportationen im Kleinen, Useppe erinnert Bender mit seiner "entwaffnenden Naivität" etwa an Grass' Oskar Matzerath. Überwiegend macht sich bei der Lektüre eine pessimistische Stimmung breit, die wohl viel vom Skandalpotential des Romans ausmacht. Die Neuübersetzung weist kleinere Ungenauigkeiten auf, verleiht dem Buch aber auch neue Frische und zeigt vor allem, dass das Interesse an Elsa Morante weiterhin stark ist, lobt der Kritiker abschließend.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 21.08.2024
Rezensent Rainer Moritz ist auch bei der Wiederlektüre überzeugt von Elsa Morantes Roman aus den siebziger Jahren. Die italienische Autorin erzählt aus der Perspektive der ängstlichen, zurückgezogen mit ihrem 1926 geborenen Sohn Nino lebenden Grundschullehrerin Ida vom Leben unter Mussolini und verknüpft dabei gelungen Privates und Politisches, so Moritz: Anhand von Ninos Werdegang, der sich kurz den faschistischen Truppen, dann aber den Partisanen anschließt und schließlich von keinem der beiden politischen Entwürfe mehr beherrscht werden möchte, werden laut Moritz die Auswirkungen der großen Ereignisse auf das einzelne Leben ebenso deutlich wie an Idas Angst davor, als Tochter einer Jüdin erkannt zu werden. Das Buch gewinnt dem Rezensenten zufolge daran, dass Morante ihrer Protagonistin nichts erspart, weder die Vergewaltigung durch einen deutschen Soldaten 1941 noch den Tod ihrer Söhne. In der Neuübersetzung von Maja Pflug und Klaudia Ruschkowski kann Moritz diesen mutigen, bewegenden Roman sehr ans Herz legen.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 14.05.2024
Einst ein umstrittener Bestseller, jetzt schlichtweg große Literatur: So urteilt Rezensentin Katharina Teutsch über Elsa Morantes ursprünglich 1974 erschienenes Buch. Dessen beide Hauptfiguren sind Ida, eine jüdische Italienerin und Useppe, ihr Sohn, Frucht einer Vergewaltigung durch einen jungen Wehrmachtsoldaten. Schon diese Vergewaltigungsszene entfernt sich von klaren Täter-Opfer-Dichotomien und wird als Begegnung zweier Verlorener beschrieben, schreibt die bewundernde Kritikerin. Die Handlung entfaltet sich hauptsächlich in den Jahren 1941 bis 1947, lernen wir, Useppes Bruder Nino, der zunächst Faschist ist und später Partisane, spielt eine Rolle, auch zeithistorische Ereignisse werden immer wieder geschickt in den Plot integriert. Frei von Kitsch ist dieses Buch, freut sich Teutsch, eindringlich wird das Heranwachsen des sensiblen Useppe beschrieben, wie auch die tieftraurig stimmende Entfremdung von Mutter und Sohn nach dem Krieg. Ein zentrales Werk der italienischen Nachkriegsliteratur ist das, jubelt Teutsch, und die hervorragende Übersetzung von Maja Pflug und Klaudia Ruschkowski werde ihm voll und ganz gerecht.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 27.03.2024
Als Elsa Morantes Roman "La Storia" 1974 in Italien erschien, war er beim Publikum ein Erfolg, bei der Kritik nicht, klärt Rezensent Eberhard Rathgeb auf. Der Roman über eine junge Grundschullehrerin aus armen Verhältnissen, die 1941 von einem deutschen Soldaten vergewaltigt wird, zwei Söhne auf die Welt bringt, Besatzung und Naziterror überlebt, beide Söhne nach dem Krieg verliert und schließlich in der Psychiatrie stirbt, kam im angespannten marxistischen Italien der Siebziger nicht gut an, weiß der Kritiker. Und auch heute verlangt der Roman dem Leser einiges an Geduld ab, fährt Ratheb fort, aber trotz einiger Längen lohnt die Mühe. Morante scheint den Roman in einem "Rausch" geschrieben zu haben, glaubt der Rezensent, der sich von dem überschäumenden Sprachfluss mitreißen lässt, das "Glitzen, Glimmern und Glitschen" von Fischleibern eher wahrnimmt als Reflexionen, "Ironie und Witz" und dennoch die Stimmen all jener vernimmt, die in der "Maschinerie der Herrschaft" untergingen. Einem Roman, der so lange nachhallt und das "Band der Nähe", das alle Wesen miteinander verbindet, offenlegt, verzeiht Rathgeb auch den ein oder anderen naiven Moment.