Herausgegeben von Hans-Jürgen Lachmann und Uta Kösser. Mit Beiträgen von Ernst Cassirer: Einleitung in die Geschichte der philosophischen Anthropologie - Göteburger Vorlesungen 1939/40 (bisher unveröffentlicht); Christian Gracza und Tim Tepper: Die Philosophie als schöpferische Phantasie in der Architektur - Kirchenbaukunst 12. Jahrhundert; Uta Kösser: Der Diskurs um das analogon rationis - Ästhetik auf dem Weg zu Cassirer; Christel Hartinger: Zum literarischen Schaffen von Johanna und Günter Braun.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 11.11.2000
Ralf Konersmann bespricht mehrere, in neuen Ausgaben erschienene Texte des Philosophen Ernst Cassirer. Auf zwei davon wird näher eingegangen. Insgesamt konstatiert der Rezensent, dass der lange fast vergessene Cassirer inzwischen wieder als Denker mit Zukunft erscheint.
1) "Das Erkenntnisproblem" (in der neuen Werkausgabe)
Die Cassirer-Renaissance findet ihren Ausdruck in einer neuen, auf 25 Bände angelegten Werkausgabe. Als die Bände 2-5 sind darin seine Untersuchungen über das "Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit" erschienen. Konersmann stellt nach der Lektüre fest, dass damit ein "philosophischer Schlüsseltext des 20. Jahrhunderts neu zu entdecken" ist. In dem Werk werde nicht nur die Theorie der symbolischen Formen vorweggenommen, sondern in seiner Begriffskritik, seiner Betonung des historischen Wandels der philosophischen Begriffe lassen sich, so der Rezensent, ohne Mühe Verbindungen zur Begriffsgeschichte der Ritter-Schule und zur Metaphorologie Hans Blumenbergs ziehen. Ganz und gar zu überzeugen weiß diese Ausgabe Konersmann auch durch ihre editorische Sorgfalt - der Text ist um zuvor fehlende Nachweise ergänzt, ein weiterer Registerband wird mit Freude erwartet.
2) " Einleitung in die Geschichte der philosophischen Anthropologie " (Kulturwissenschaftliche Studien 4)
Hier handelt es sich um die, allerdings nur in Auszügen abgedruckte, Vorlesung des Wintersemesters 1939/40 im Göteborger Exil. Formal ist der Text merkwürdig, stellt Konersmann fest, nämlich "in losen Versen gesetzt". Sokrates` alleiniges Interesse an der Stadt und den Menschen, seine Weigerung, die Stadt zu verlassen, wird als philosophische Urszene gelesen: Kultur beginnt da, wo "die Ungastlichkeit der Wälder" endet, die Siedlung ist die "einzige menschengemäße Welt".
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