Als Henriette Stanley stirbt, ist die Familie, die sich um ihr Grab versammelt, schon nicht mehr groß: Da ist Harry, ihr geistesgestörter Sohn, auf dem einst die Hoffnungen der Familie, Reeder aus Antwerpen, lagen. Da ist ihre Tochter Ann mit ihrem deutschen Mann, deren Ehe Henriette nicht verhindern konnte, obwohl sie die Verbindung nach dem Krieg um ihr Erbe aus Belgien gebracht hat. Und da ist die Schwester ihres Mannes, der vor vielen Jahren unter mysteriösen Umständen verschwunden ist. Niemand spricht mit ihr, aber sie allein weiß, was aus ihrem Bruder geworden ist und was in dem Testament aus Antwerpen wirklich gestanden ist. Und sie weiß auch, dass jede Anstrengung, vergessen zu wollen, vergebens ist.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 27.04.2011
Judith Leister schätzt Evelyn Grill als "großartige Autorin", aber diesen Roman kann sie nicht empfehlen. Statt skurriler Geschichten findet die Rezensentin hier eine das gesamte 20. Jahrhundert umspannende Familiengeschichte, deren Konventionalität Leister nicht goutiert. "Sublimierte Gefühle, gefasste Persönlichkeiten und braven Katholizismus" beherrschten diesen Roman, und bei allen Dramen und Tragödien, die sich hierin ereignen vom Ersten Weltkrieg über den Nationalsozialismus, Flucht und Auswanderung, reiche Verwandtschaft bis zur kaltblütigen Mutter, spöttelt Leister: "Man empfindet in aller Wohlerzogenheit".
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