Das neue Buch des Sozialhistorikers und Kulturpublizisten Felix Philipp Ingold bietet am Leitfaden russischer Wege und Wegvorstellungen einen weit verzweigten über 1000 Jahre sich erstreckenden Durchgang durch die Zivilisations- und Geistesgeschichte Russlands. In einem großen Eingangskapitel werden zunächst die geografischen und kulturellen Dimensionen des "russischen Raums" vergegenwärtigt, der sich in einem allmählichen Prozess innerer Kolonisierung herausgebildet und das Zarenreich zum größten Staatsterritorium der Erde gemacht hat. Die Geografie dieses Riesenreichs hat sich prägend auf dessen Geschichts- und Wirtschaftsentwicklung ausgewirkt, aber auch auf das nationale Selbstverständnis, die Staats- und Herrschaftsstruktur sowie zum Beispiel auf das russische Verständnis von Schicksal, Arbeit, Heldentum, Heim und Heimat.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 28.11.2007
Cord Aschenbrenner preist die über 500 Seiten umfassende Kulturgeschichte Russlands des Literaturkritikers Felix Philipp Ingold als nicht nur dem Umfang nach gewichtiges Werk. Der Rezensent bejubelt den als Historiker, Slawist, Lyriker und Essayist hervorgetretenen Autor als großen Kenner Russlands, der in diesem Buch den kühnen Anspruch hat, eine "Geografie der russischen Seele" vorzulegen, also Messbares wie die Topografie oder den Städtebau in Russland mit den literarischen, politischen oder philosophischen Selbstbildern und -aussagen abzugleichen. Diesen Anspruch löst der Autor laut Aschenbrenner auch brillant ein und er findet, dass Ingold gerade in der Untersuchung der "russischen Raumaneignung" Aufschlussreiches über das russische Wesen zutage fördert, ohne sich auf eine notwendig zu kurz greifende Definition Russlands einzulassen. Dabei kann der ohnehin begeisterte Rezensent über das umfangreiche Wissen, das der Autor auch in Details beweist, nur Staunen.
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