Ich bin der Bruder von XX
Erzählungen

Suhrkamp Verlag, Berlin 2024
ISBN
9783518431665
Gebunden, 114 Seiten, 22,00
EUR
Klappentext
Aus dem Italienischen von Barbara Schaden. Eine mondäne junge Frau wird von ihrem Mann in einem Käfig gehalten; eine Seherin schmeckt im 13. Jahrhundert die Vorhaut Christi auf ihrer Zunge; ein Waisenkind verbrennt den Aristokraten, der es aufgenommen hat, bei lebendigem Leibe; gequälte Geschwister werden in ein Schweizer Eliteinternat abgeschoben. Fleur Jaeggy erzählt von Wahnsinn, Verlust und Mord, vom Fluch, eine Familie zu haben, und von der durch nichts zu vertreibenden Nähe des Todes.
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.11.2024
Für Rezensenten Jobst Welge ist die geplante Herausgabe der Werke von Fleur Jaeggy in Einzelbänden ein echter "Grund zur Freude", und er findet den Band "Ich bin der Bruder von XX" eine perfekte Einführung in diese Literatur, die sich zugleich für die großen Verzweiflungen interessiert und sich in den kleinsten Details verliert. So sei Jaeggys Erzählkunst eben, versichert Welge: Strategien der Verfremdung und eine "strenge" Sprache erzeugten in ihrer Prosa Beklemmung und etwas Mystisches. Diese Poetik - die Welge schließlich mit einer Katze vergleicht, die sich gereizt auf einen Punkt stürzt, um ihn schnell wieder zu verlassen - erkennt Welge schon in der Titelerzählung, in der ein Autor von seiner frühen Bereitschaft zum Verschwinden erzählt. Auf diese Weise habe sich Jaeggi eine ganze Prosa geschaffen, eine Mischung aus übergroßer, verzehrender Selbstfixierung und Selbstanalyse mit komischen Elementen. Ebenso begeistert erkennt Welge in den Schriften der Schweizer Autorin Persönlichkeiten, die das letzte literarische Jahrhundert geprägt haben. Es sind neben ihrer ungewöhnlichen Prosa "anekdotische Vignetten" und Erinnerungen an Autoren, mit denen Jaeggi ihre Leser beschert.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.08.2024
Rezensentin Annabele Hirsch wirkt sehr fasziniert von Fleur Jaeggys literarischem Werk, das der Suhrkamp Verlag aktuell Stück für Stück neu auflegt, endlich auf Deutsch, jubelt Hirsch. Aber auch im italienischen Original, in dieser "so unkühlen Sprache", entfaltet sich die Hauptqualität von Jaeggys Schreiben, die Hirsch staunend beschreibt: als eine sich ausbreitende "Kälte", die den Lesenden einerseits die Leblosigkeit der Figuren betrauern lässt, die aber andererseits Bewunderung für eine kalte Perfektion auslöst und zum Weiterlesen animiert. So treten in Jaeggys Erzählungen und Romanen - erschienen sind bisher der Roman "Die seligen Jahre der Züchtigung" und die beiden Erzählbände "Ich bin der Bruder von XX" und "Die Angst vor dem Himmel" - meistens Figuren auf, die sich ins große Nichts des Todes wünschen, jeden "Keim" des Lebens in sich erstickt haben oder sich nicht aus einer emotionalen Starre befreien können, gibt Hirsch wieder. Besonders gelungen, wenn auch verstörend, findet sie die Geschichte "Der Vogelkäfig", in dem ein Mann seine Frau zur Selbsterniedrigung vor dem Kostüm seiner verstorbenen Mutter zwingt. Wie Jaeggy "bis zur Perfektion" an diesem zwiespältigen Ideal von "Askese und Disziplin" schriftstellerisch arbeite, ist für die Kritikerin enorm eindrücklich. Sie findet hier weniger den von Reich-Ranicki behaupteten "Charme" als ein unerbittlich unterdrücktes Feuer unter einer Eisschicht.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 12.08.2024
Rezensentin Marie Albath zeigt sich in ihrer Sammelrezension begeistert von den Erzählungen der 1940 geborenen Schweizer Autorin Fleur Jaeggi. In "Ich bin der Bruder von XX" kommt, so Albath, ein unzuverlässiger Erzähler zu Wort, der seine von Einsamkeit grundierten und von Bedürftigkeit wie Auflehnung bestimmten Begegnungen mit seiner nur anhand ihrer Chromosomen bezeichneten Schwester schildert. Auch andere Texte in dem Erzählungsband sind laut der Rezensentin von einem kühlen, unemotionalen Ton und präzisen Beobachtungen geprägt: so der nur zwei Absätze lange Text über eine Freundin namens Ingeborg, die sich in den letzten, in ein Krankenhauszimmer versetzenden Sätzen als Ingeborg Bachmann herausstellt. Alle Texte eint, so die Rezensentin, der kühle, genau beschreibende Stil Jaeggis sowie wiederkehrende Motive, die Autobiografisches gekonnt verzerrt aufgreifen. Der von Barbara Schaden aus dem Italienischen übersetzte Band bietet eine ausgezeichnete Möglichkeit, diese bedeutende Autorin neu zu entdecken, freut sich Albath.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 04.07.2024
"Kompromisslos" nennt Rezensent Rainer Moritz das Schreiben Fleur Jaeggys, und hofft, dass mit den drei Ausgaben im Suhrkamp-Verlag nun auch in Deutschland endlich eine verdiente Rezeption der Schweizer Autorin einsetzt. Ihre Texte sind allesamt kurz, komprimiert, auf das wesentliche reduziert, so der bewundernde Kritiker. Sie öffnen ihm den Raum, sich als Leser selbst ein Bild zu machen. Eine Erzählung spielt im Internat und schwankt für Moritz zwischen "existenzieller Tiefenschürfung" und zartem Witz, ein anderer kurzer Text widmet sich Ingeborg Bachmanns Tod - nichts für schwache Nerven, aber äußerst lesenswert, resümiert er.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 27.05.2024
Durchaus unterschiedliche Textsorten enthält Fleur Jaeggys Erzählband laut Rezensent Maximilian Mengeringhaus. Mal geht es um einen Auschwitz-Besuch, der mit routinierter Betroffenheitssimulation absolviert wird, mal um Erinnerungen an Jaeggys Freundin Ingeborg Bachmann, mal um Legenden aus Graubünden. Immer jedoch, stellt Mengeringhaus klar, geht es ausgesprochen duster zu in diesen durch Jaeggys verhärtet reduzierten Stil verbundenen Kurztexten. Die Dominante heißt Horror im Angesicht der Welt, stellt der Rezensent klar, nur ganz manchmal funkt ein bisschen schwarzer Humor dazwischen. Für Mengeringhaus ist das ein bisschen zu viel des Unguten, mit diesem Buch wird ihm zufolge nur glücklich, wer sich äußerst gründlich im Unglück wälzen möchte.