Aus dem Niederländischen von Anette Wunschel. Roger Van de Velde war ein belgischer Journalist, einer der engagiertesten Humanisten seiner Zeit und hochgradig süchtig nach Schmerzmitteln. Als er begann, täglich sechzig Tabletten statt der verschriebenen vier zu nehmen und Rezepte zu fälschen, endete er im Maßregelvollzug. Viele Jahre seines kurzen Lebens verbrachte er in psychiatrischen Anstalten, wo er heimlich seine "Kompagnons der Misere" porträtierte. In zwanzig Geschichten erfahren wir, wie Jules Leroy seine heißgeliebte Katze meuchelt, weil sie sein noch heißer geliebtes wöchentliches Roastbeef gefressen hat; wie "Haut-und-Knochen" im Adamskostüm durch die Anstalt flitzt oder wie ein Neuankömmling, der sich den ominösen Spruch "Margaritas ante porcos" auf den Unterarm tätowieren ließ, Van de Velde vom Tablettenmissbrauch heilen möchte. Roger Van de Veldes Porträts seiner Leidensgenossen in der psychiatrischen Anstalt sind, bei allem schwarzen Humor, Zeugnisse des Mitgefühls. In seiner Doppelrolle des Beobachters und Betroffenen weiß er, dass es keinen Unterschied gibt zwischen Wahnsinn und Normalität.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 21.06.2024
In der Übersetzung von Annette Wunschel sind mit "Knisternde Schädel" Roger Van de Veldes Aufzeichnungen aus der Psychiatrie erschienen - meisterhafte Kurzprosa, findet Rezensent Hilmar Klute. Der 1925 in der Nähe von Antwerpen geborene Journalist wird nach einer Magenoperation abhängig von Opioiden. Seine Skizzen aus der Psychiatrie sind, so Klute, humorvolle, aber nie denunziatorische Porträts seiner Mitbewohner, geschrieben im Ton eines in den Erzählungen präsenten, aber dem Wahnsinn tendenziell enthobenen Beobachters. Dabei werden, schreibt der Rezensent, auch die Machtverhältnisse in der Anstalt und wie sie unterlaufen werden, thematisiert. Ein äußerst eindrücklicher, in der hochkonzentrierten Miniatur seine literarische Qualität beweisender Erzählband, den Klute zur Lektüre nur empfehlen kann.
Wer derart "luzide" Erzählungen schreibt wie der belgische, schmerzmittelabhängige Schriftsteller Roger Van de Velde würde heute nicht mehr in eine psychiatrische Anstalt gesperrt, hofft Rezensent Tobias Lehmkuhl. So oder so - dem Aufenthalt des Schriftstellers in der Psychiatrie sind diese brillanten wie "zeitlosen Vignetten" zu verdanken, fährt der Kritiker fort, dem sich hier "kleine Fenster in den Wahnsinn" öffnen: So knapp wie lebendig und liebevoll skizziert der Autor die Schicksale seiner Figuren, dass Lehmkuhl mitunter das Gefühl hat, selbst dabei zu sein. Und Anette Wunschels Übersetzung der zwanzig Erzählungen sind für den Rezensenten ein zusätzlicher Gewinn.
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