Spätestens seit Freud wissen wir, dass das Unbewusste ein gewichtiges Wort mitredet. Die moderne Hirnforschung hat nun eine neue kopernikanische Wende eingeleitet: Alles, was wir tun und lassen, wird durch komplexe Prozesse im Gehirn entschieden, bevor es uns bewusst wird. Wir urteilen und handeln gefühlsmäßig. Der Verstand erläutert und rechtfertigt allenfalls nachträglich. In ständiger Wechselwirkung mit unserer biologischen Natur leitet uns die Kultur, in der wir leben zum Guten oder Bösen. Was bedeutet das für unser Werte- und Rechtssystem? Anhand aktueller Studien beschreibt Frank Ochmann die neurobiologische Krise der Moral und ihre Bedeutung für Philosophie und Religion. Er zeigt, wie riskant es für eine Gesellschaft ist, wenn die moralisch bindenden Kräfte schwinden, und sagt, auf welche Grundlage wir unsere Werte stellen müssen, um dieser Gefahr zu entkommen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.11.2009
Michael Pawlik weiß Frank Ochmanns Buch "Die gefühlte Moral" durchaus zu schätzen, auch wenn er mit dem Autor nicht in allen Punkten einer Meinung ist. Die Argumentation, Moral basiere letztlich auf Konvention, scheint ihm vielleicht sozialpsychologisch richtig. Allerdings weist er die moralphilosophischen Schlüsse, die der Autor zieht, zurück. Er hält ihm in diesem Zusammenhang vor, das Verhältnis von Sein und Sollen, Genesis und Geltung von Moral nicht hinreichend und überzeugend zu differenzieren. Ochmanns Versuch nachzuweisen, dass die Idee eines alles beherrschenden Verstandes im Menschen ein Märchen ist, scheint ihm indes überzeugender, auch im Blick auf dessen Ausführungen über die Konsequenzen, die sich daraus für die Ausgestaltung politischer Institutionen ergeben.
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