Die Märchen der Gebrüder Grimm bestehen aus Verwandlungen, sei es älterer Märchensammlungen, sei es mündlicher Überlieferung. Und nicht zuletzt auch aus Verwandlungen durch die jahrzehntelange Überarbeitung der Gebrüder selbst. Franz Josef Czernin führt dieses Verwandeln nun fort und lässt aus einer Reihe der Märchen kurze Prosastücke entstehen. Wie die Grimmschen Märchen ein Kompendium von Erzählweisen sind, versammelt auch Czernin in seinen Verwandlungen unterschiedliche Erzählweisen, gleichsam zu einer Essenz gebrachte Modi modernen Erzählens. "Der goldene Schlüssel" - das letzte der Grimm' schen Märchen - wird zum Titel der hier versammelten Verwandlungen. Czernin dreht diesen Schlüssel weiter und weiter, immer in der utopischen Hoffnung, es möge das Kästchen sich ein für alle Mal öffnen und den immer noch vielleicht verborgenen Schatz preisgeben.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.01.2019
Rezensentin Daniela Strigl freut sich darüber, von Franz Josef Czernin die Grimm'schen Märchen, auch die weniger bekannten, mit Sinn für das Rätselhafte und Mehrdeutige an ihnen erweitert zu bekommen. Czernins Variationen und Paraphrasen antworten laut Strigl auf das Original, spinnen es fort und erinnern daran, dass es sich um Kunstmärchen handelt und um Welterforschung. Czernins von Neugier getragener sprach- und erkenntnistheoretischer Ansatz klopft die Texte allerdings auf ihren Realismus ab, vermerkt die Rezensentin. Eine lustvolle Lektüre, die ihr die Kontingenz der Märchen nahebringt und ihre Modernität.
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