"Mit 'Philosophien' sind keine heutigen oder doch gestrigen Wissenschaften vom Text als solchen gemeint, wie man neudeutsch so gerne sagt, sondern historische Gestalten eines Denkens, das ob seiner höchsten Allgemeinheit auch von Dichtung oder Literatur zu handeln angehalten ist. Erwarten Sie daher keine für ein Studium der Nationalphilologien brauchbare Einführung in Literaturtheorien, sondern eine Langzeitgeschichte von den alten Griechen bis knapp vor unsere Gegenwart. Mag die Kulturwissenschaft an anderen deutschen Universitäten sehr praxisnah und daher gegenwartsorientiert sein, wir in Berlin tragen die Last von 3000 Jahren als eine Ehre auf unseren Schultern. Denn auf den Schultern von Riesen, sagte einst Blaise Pascal, sehen selbst wir Zwerge weiter als die Riesen." - Friedrich Kittler
In "Philosophien der Literatur", den Berliner Vorlesungen aus dem Jahr 2002, schlägt Friedrich Kittler eine Brücke von seiner Medientheorie zu seinen späten gräzistischen Ambitionen, berichtet Moritz Scheper. Wieder einmal steht das Projekt unter dem Motto der "Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften", erklärt Scheper, Kittler erklärt den Zusammenhang zwischen Alphabettechnik und aristotelischer Poetik, vergleicht die Regelpoetiken des achtzehnten Jahrhunderts mit dem aktuellen Onaniediskurs, und holt noch den Dichterfürsten Goethe und seine Genieästhetik auf eine sehr materielle Basis herunter, fasst der Rezensent zusammen. Viele der versammelten Thesen sind zwar bekannt, aber selten hat Kittler sie so klar formuliert, freut sich Scheper.
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