Léon Saint Clair ist im schweizerischen Chur gestrandet (man lese unbedingt in Léon Saint Clairs zeitlose Unruhe nach!) - und nun? Wieder einmal heißt es für den uralten, ewig jungen Léon, sich neu zu orientieren. Das Maßatelier Adam übt eine rätselhafte Anziehungskraft auf ihn aus, und tatsächlich darf Léon hier das kunstvolle Handwerk des Maßschneiderns zu lernen beginnen. Sein Lehrherr Tomasz Wrobel verbirgt hinter seiner kultivierten Fassade allerdings tragische Abgründe, und zusammen mit anderen Begegnungen - wie mit dem anarchischen Mädchen Fritzi und dem jungen Kunsthistoriker Johannes - wird Léon fast gezwungen, in seine alten, oft schmerzlichen Erinnerungen abzutauchen und sich Fragen zu stellen, die er eigentlich lieber vermeiden würde. Und dann beginnt er auch noch zu wachsen! Man stelle sich vor: Mit zweihundertfünfzig Jahren muss Léon tatsächlich anfangen, sich zu rasieren!
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.01.2023
Bereits in Gabriele Weingartners "Opus magnum" war Rezensent Jochen Schimmang mit dem unsterblichen Titelhelden Leon Saint Clair begeistert durch die Jahrhunderte gereist, von der Französischen Revolution durch Mozarts Wien bis ins Moskau der stalinistischen Schauprozesse, um schließlich nach einem Aufenthalt bei einer Schweizer Sterbehilfeorganisation in einem Luxushotel in Chur in der Gegenwart zu landen. Dort setzt der neue Roman ein - und dort bleibt Leon zu Schimmangs Überraschung auch bis zum Ende. Nach 250 Jahren beginnt Leon zudem erstmals zu wachsen, außerdem arbeitet er in der Maßschneiderei des polnischen Juden Tomasz Wrobel, der ihm unter anderen von seinen Begegnungen mit Wolfgang Hildesheimer erzählt. Plötzlich steht dessen fiktive Biografie "Marbot" über einen englischen Adligen im Mittelpunkt, die das "Spiegelbild" zu Weingartners Text liefert und Leon ganz in ihren Bann zieht, wie der Kritiker erläutert. Darüber hinaus ist es die "unteutonische Eleganz", mit der Weingartner von Gewalt, sexueller Ausbeutung und Verfolgung schreibt, die den Rezensenten an Hildesheimer erinnert. Ein erfrischender Roman, dessen "Lust am Text" sich auf den Leser überträgt, versichert Schimmang.
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