Gerhard Henschel

Menetekel

3000 Jahre Untergang des Abendlandes
Cover: Menetekel
Die Andere Bibliothek/Eichborn, Frankfurt am Main 2010
ISBN 9783821862101
Gebunden, 372 Seiten, 32,00 EUR

Klappentext

In seinem Buch nimmt Gerhard Henschel eine Parade der Unheilsverkünder ab, von den Kirchenvätern über die Frühhumanisten und den Poeten der Befreiungskriege bis hin zu Osama bin Laden, und er rät zur Gelassenheit im Umgang mit allen Apokalyptikern.
Nach allem, was wir von unseren Vorfahren wissen, sind die Klagen über den Verfall der guten Sitten so alt wie die Menschheit oder doch mindestens so alt wie die frühesten Zeugnisse unserer Schriftkultur. Und häufig waren sich die Herren der Apokalypse schnell einig darüber, wer am Niedergang aller Werte eigentlich Schuld hat: die Frauen, besser gesagt: das Weib, das sinnliche. Im zweiten Jahrhundert malte sich ein christlicher Schwarzmaler die Hölle aus: Dort würden "Weiber an ihren Flechten über jenem aufsiedenden Koth aufgehängt; das waren die, welche sich zum Ehebruch geschmückt hatten; die aber, die sich mit dem Miasma des Ehebruchs jener Weiber befleckt hatten, waren an den Füßen aufgehängt und hatten die Köpfe in jenem Koth ..."
Das Muster der Verführung durch die weibliche Sinnlichkeit ist so durchgängig wie die Flucht davor: die lustfeindlichen Endzeitpropheten des Mittelalters rückten den christianisierten Sündern mit grausamen Unheilsvisionen zu Leibe. Im Zeitalter der Aufklärung meldeten sich Gegenaufklärer zu Wort, die mit der Anerkennung des Rechts auf eine freie Entfaltung der Persönlichkeit jedes einzelnen Menschen gleich den Fortbestand der Menschheit gefährdet sahen. Auch danach sind die Völker des Abendlands noch von unzähligen Mahnern und Warnern zu den Waffen gerufen worden und oft genug Propheten gefolgt, die ihnen einreden wollten, dass es redlicher und Gott wohlgefälliger sei, einen Massenmord zu begehen als einen Seitensprung.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.02.2010

Rezensent Jens Bisky ist enttäuscht. Nicht weil er Gerhard Henschels Entlarvung der Untergangspropheten jetzt unbedingt widersprechen will. Nur sind ihm der Gestus des Buchs sowie sein intellektueller Gehalt einfach zu dürftig. Ja, die vertrauten Henschel-Qualitäten finden sich wiederum: ein hervorragender Sinn fürs treffende Zitat, eine Zurückhaltung im Ton, die umso heftiger trifft, ein großer Schatz an Einzelfällen und Anekdoten. Die Frage, warum über die Jahrtausende durchaus nicht nur die dümmsten Menschheitsvertreter an Weltuntergang, Apokalpyse oder wenigstens den Kulturverfall glaubten, werde hier aber nur sehr schlicht (mit dem Verweis auf Neid und Lust am Moralisieren) beantwortet. Henschel scheint alles immer schon besser zu wissen, klagt Bisky - mit einer Ausnahme im vorletzten Kapitel, das der Rezensent denn auch für das stärkste hält. Darin nämlich werde im Fall des Dichters Rolf Dieter Brinkmann die Ambivalenz von Faszination und Ablehnung gewahrt.

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