Das Theater arbeitet daran, sich selbst abzuschaffen. Berserkerhaft werden literarische Vorlagen zertrümmert und dem Publikum dann brockenweise hingeworfen. "Wirklichkeitsnah" will man sein und spricht damit dem Zuschauer jegliches Abstraktionsvermögen ab. "Regisseurstheater" nennt Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier solche Versuche, das Stück dem kurzlebigen Einfall, dem Zeitgeist zu opfern.
Während das Theatralische sich auf der Bühne verflüchtigt, dominiert es zunehmend Politik und Medien, wo Betroffenheit inszeniert und das Denken durch (Mit-)Fühlen ersetzt wird.
Seit vier Jahrzehnten begleitet und kommentiert der Autor das Treiben auf deutschsprachigen Bühnen. Wie so viele verzweifelt er regelmäßig daran. Aber wie kaum ein anderer lässt er sich auch vom Zauber, den das Theater zu entfalten vermag, mitreißen und spart in diesem Essay folglich keinesfalls jene Glücksmomente aus, die ihm seine Begeisterungsfähigkeit erhalten.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 03.06.2016
Erst einmal zollt Christine Dössel dem FAZ-Granden der Theaterkritik Gerhard Stadelmaier ausgiebig Respekt. Stadelmaier gehört in die Riege der ganz Großen, findet die Rezensentin,und als größter Kritiker des Zeitgeist-Theaters war er ein wichtiger Dorn im Fleisch des reibungslosen Betriebs, so Dössel. Stadelmaiers neues Buch "Regisseurstheater" aber fällt für die Rezensentin unangenehm aus der Reihe. Die witzige Bosheit ist humorloser Boshaftigkeit gewichen, die mit dem einzigen und wohlfeilen Maßstab des eigenen Geschmacks auf Castorf und Co. eindrischt, kritisiert Dössel, die angesichts dieser Vorlage schon gespannt ist auf den angekündigten Folgeband, der mit dem Zeitungswesen abrechnen soll.
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