Gertrud Fussenegger setzt sich in ihrem Lebensbericht bis 1948 mit den ersten 36 Jahren ihres Lebens auseinander und analysiert in selbsterlebten Episoden die widersprüchlichen Ideen, die ihre Generation berührten und zu den Irrtümern und Niederlagen des Dritten Reiches führten. Die Geografie ihres Lebens ist nichts Zufälliges, sie verknüpft die Elemente eines Werdegangs, der genauso eng in die Geschichte dieser Jahre verwoben ist. Dieses Buch legt seinem Leser zweierlei Texte vor: Der erste, umfangreichere, erschien 1979 unter dem vielleicht nicht mehr leicht verständlichen Titel "Ein Spiegelbild mit Feuersäule". Die Autorin hat nun den Text behutsam gestrafft, um ihn dann in einem letzten großen Kapitel bis fast in die jüngste Zeit fortzuführen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 21.07.2008
Einen ambivalenten Eindruck haben Gertrud Fusseneggers neu aufgelegte Erinnerungen (1912-1948) bei Kristina Maidt-Zinke hinterlassen. Ein zentraler Punkt ist für die Rezensentin die zweifelhafte Rolle der österreichischen Schriftstellerin während des Dritten Reichs. Zwar konstatiert sie Reue und Neubesinnung im Romanwerk der Autorin nach 1945. Aber sie hält ihr vor, in den Erinnerungen dunkle Punkte wie ihre Parteimitgliedschaft oder ihre Hitler-Lobhudeleien einfach auszulassen. Dennoch findet Maidt-Zinke diesen Teil der Autobiografie höchst instruktiv. Sie sieht die Autorin von Widersprüchen zwischen Selbstanklage und -verklärung, Beichte und Predigt, "emotionsloser Faktizität" und "pathetischer Ungenauigkeit" geprägt. Fusseneggers rückblickende Regimekritik scheint ihr recht oberflächlich und vor allem von einem "Abscheu gegen Äußerlichkeiten" getragen. Geradezu "erschreckend" ist nach Ansicht von Maid-Zinke die Kühle, mit der die keineswegs antisemitische Schriftstellerin auf das Verschwinden oder die Ermordung von jüdischen Freunden reagiert. Ihr Fazit: "eine Fundgrube für Mentalitätsforscher".
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.01.2008
Interessiert hat Walter Hinck diese Erinnerungen der österreichischen Schriftstellerin Gertrud Fussenegger gelesen. Der Titel unterstreicht für ihn zwei Aspekte: "Bilanz zu ziehen, aber sich auch zu rechtfertigen". Im Blick auf den zweiten Aspekt erinnert er daran, dass die Autorin Texte im "Völkischen Beobachter" veröffentlicht und Hitler zeitweise in Gedichten gehuldigt hatte. Demgegenüber lesen sich Fusseneggers Nachkriegsromane für ihn wie "Zeugnisse anhaltender Buße". Die strenge katholische Erziehung der Autorin und ihr demokratiefeindliches, nationalistisches Elternhaus einerseits und die enge Freundschaft mit einer jüdischen Mitschülerin markieren für den Rezensenten das Spannungsfeld für die "widersprüchliche Entwicklung" der jungen Fussenegger. Es bleibt für ihn allerdings ein "stark irrationaler Rest", der ihre Anfälligkeit für die nationalsozialistische Ideologie erklärbar macht. Die Sprache dieser Erinnerungen scheint ihm einfach und ironiefrei, aber auch lebendig. "Lesenswert" scheint Hinck der Band durch seine "Bekenntnisse" und als "Exempelgeschichte für die Verführung und die Irrtümer eines immer zur 'Gläubigkeit' bereiten Menschen."
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