Aus dem Italienischen von Andreas Hiepko. Was wird aus der Regel, wenn sie im Leben restlos aufzugehen scheint? Und was aus einem Menschenleben, wenn seine Gesten, seine Worte und sein Schweigen von der Regel nicht mehr zu unterscheiden sind? In Fortschreibung seines groß angelegten Homo-Sacer-Projekts unternimmt Giorgio Agamben eine passionierte Relektüre des abendländischen Mönchtums von Pachomius bis St. Franziskus. Doch auch wenn er das von peinlich genauer Regelbeachtung bestimmte Leben der Mönche bis ins kleinste Detail rekonstruiert, sieht Agamben die eigentliche Innovation des Mönchtums nicht in der Vermengung von Leben und Norm, sondern in der Entdeckung einer Dimension des Menschen, in der das "Leben" als solches zum ersten Mal seiner Autonomie Geltung verschaffte. Denn die Herausforderung, vor die die Mönche das Recht stellten, indem sie auf "höchste Armut" und den bloßen "Gebrauch" bestanden, hat auch heute von ihrer Brisanz nichts verloren.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 21.04.2012
Skeptisch blickt Uwe Justus Wenzel auf das Werk des italienischen Juristen und Philosophen Giorgio Agamben, der am 22. April siebzig wird. Anlässlich des neuesten Bandes des "Homo sacer"-Projekts wendet sich Wenzel noch einmal dem Denken des Autors zu und rekapituliert dessen zentralen Ideen. Allerdings bleibt ihm, wie er immer wieder unterstreicht, bei Agamben zu vieles im Dunklen. Agambens Texte erscheinen ihm als Mischung aus historisch-philologischer Analyse und geschichtsmetaphysischer Spekulation, als Versuch, das "Betriebsgeheimnis des Abendlandes" zu lüften, der sich mit methodischen Fragen nicht lange aufhält. Wenzel hält das zeitdiagnostische Potenzial bei Agamben für überschätzt, dessen Ausführungen über Guantánamo für vereinfacht. Der aktuelle Band liest sich für ihn wie eine "kühle Exegese" von zentralen mönchischen und theologischen Schriften, dessen Bezug zu Agambens ursprünglicher Fragestellung in seinen Augen unklar ist. "Neben den juristischen Denkfiguren sind es theologische, die Agamben als Hohlformen einer Theorieprosa benutzt", resümiert der Rezensent, "die noch immer nicht zu erkennen gibt, worauf sie eigentlich hinauswill."
Der hier rezensierende Mittelalterhistoriker Rezensent Valentin Groebner staunt über Giorgio Agambens Fähigkeit, "Ur-Begriffe als aktuell drängende Ur-Sachen" darzustellen. Im Konflikt zwischen armen mittelalterlichen Mönchen und reicher Amtskirche sieht Agamben die Keimzelle der Dysfunktionalität der Moderne. Doch der Rezensent stört sich an Agambens souveränem, sprunghaftem und selektivem Umgang mit Quellen, wodurch "das mittelalterliche Mönchtum zu einem homogenen Kosmos" stilisiert würde. Gängige Unordentlichkeiten wie Überschneidungen von geistlichen und weltlichen Ämtern, der sexuelle Missbrauch junger Mönche oder die Verschränkung von Armut und Geldwirtschaft etwa bei den Bettelorden fallen im Sinne der These des Autors unter den Tisch, bemängelt Groebner.
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