Übersetzt, eingeleitet und mit Anmerkungen herausgegeben von Nikolaus Egel. Giovanni Pico della Mirandola war gerade einmal 23 Jahre alt, als er seine Neunhundert Thesen im Jahr 1486 in Rom mit der Schlussbemerkung veröffentlichen ließ, dass er persönlich jedem Gelehrten, der zur Disputation über die Thesen nach Rom kommen wolle, die Reisekosten erstatten würde. Pico hatte sich damit ein Ziel von bisher nie dagewesenen Ausmaßen gesetzt: Mit allen Gelehrten des Abendlandes wollte er vor dem Papst über alle Lehrsätze der verschiedenen Völker und deren Denker disputieren, über die Kabbala und die zoroastrischen Weisheitslehren wie über die verschiedensten Thesen des Neuplatonismus, der mittelalterlichen Scholastik, der Orphik und der arabischen und chaldäischen Weisheit. Das Ziel war die Versöhnung aller im Abendland bis dahin bekannten Autoritäten und die Zusammenführung der philosophischen und theologischen Traditionen des 15. Jahrhunderts zu einer christlichen Weisheit. Pico stellte sich die Veranstaltung als einen gewaltigen Kongress vor, für den die Neunhundert Thesen die Diskussionsgrundlage bilden sollten. Während die ersten 400 Thesen eine Zusammenstellung konfligierender Lehrmeinungen darstellen, sind die zweiten 500 "Thesen gemäß der eigenen Ansicht", also - schon das ein unerhörtes Novum - ganz eigene Positionen Picos, die von der gängigen Art des Philosophierens abweichen. Allein - der Papst ließ 13 der Thesen auf den Index setzen und den gesamten Text verbieten. Die Versammlung, von der Pico geträumt hatte, fand niemals statt. Die bereits gedruckten Exemplare wurden eingezogen und zum Teil verbrannt. Pico wurde, nachdem er Rom verlassen hatte, verhaftet und exkommuniziert.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 02.08.2018
Rezensent Daniel-Pascal Zorn hält einen Denker wie Giovanni Pico della Mirandola für dringend nötig in unserer Zeit. Dass der Italiener, Zeitgenosse Da Vincis und enzyklopädischer Gelehrter, philosophische Schulen nicht in Konkurrenz betrachtete, sondern nüchtern verglich, macht ihn für den Rezensenten zum ersten philosophischen Komparatist überhaupt. Ohne abzuwerten und die eigene Position aufzuwerten, vergleiche der Autor die Texte anhand ihrer inhärenten Merkmale. Die zweisprachige Neuherausgabe von Mirandolas Thesenpapier inklusive der den Text systematisch erschließenden Einleitung, eines umfangreichen Kommentars und einer Auswahlbibliografie ist für den Rezensenten eine lohnende Anschaffung. Mirandolas Plädoyer für Pluralismus im philosophischen wie im religiösen Denken scheint ihm höchst bedenkenswert.
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