Gret Haller wurde mit der Ehrendoktorwürde der Universität St. Gallen ausgezeichnet - auch in Würdigung ihrer grundlegenden Analyse des unterschiedlichen Rechts- und Staatsverständnisses in Europa und in den USA. Ihr neues Buch erörtert die brisante Frage, warum es für Europa keine Alternative zur Trennung von Religion und Politik gibt. Seit der Präsidentschaft von George W. Bush zeigt sich deutlicher als früher, wie brüchig der vermeintlich gemeinsame Wertekanon des Westens ist. Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem vom US-Präsidenten gelenkten Kampf gegen den Terrorismus und der Bedeutung von religiöser Identität? Lassen sich Demokratie und Menschenrechte mittels Militärschlägen exportieren? Stellen Christentum und Islam mit ihrem jeweiligen Wahrheitsanspruch die europäische Identität in Frage? Wie lässt sich Streit zwischen den Religionen verhindern? Gret Haller betrachtet die Achtung der Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit und die Stärkung des Völkerrechts als Maßstab für verantwortliches politisches Handeln. Gleichheit der Individuen und der Staaten statt religiöser und nationaler Auserwähltheit führt die Vorstellung von guten und bösen Nationen ad absurdum und kann das Eskalieren von innergesellschaftlichen und außenpolitischen Konflikten verhindern.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 10.12.2005
Überzeugend findet Thomas Leuchtenmüller die Studie über das Phänomen des christlichen Fundamentalismus, das die einstige Berner Gemeinderätin, Nationalrätin und Ombudsfrau für Menschenrechte Gret Haller vorgelegt hat. Die Autorin beleuchte zunächst die transatlantischen Unterschiede hinsichtlich der Rolle von Religion und Staat. Sie arbeite weiter Parallelen zwischen islamistischem und christlichem Fundamentalismus heraus, die beide Recht durch Moral ersetzten und das Gleichheitsprinzip unterminierten. Auch in der Schweiz sieht Haller religiös-konservative Kräfte vor dem Durchbruch. Leuchtenmüller hebt hervor, dass Haller diverse Möglichkeiten aufzeigt, fundamentalistischen Tendenzen zu widerstehen. Als störend empfindet er allerdings die "mitunter mantrahaften Wiederholungen" und eine "gewisse Schulmeisterlichkeit" der Autorin.
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