Auch die zwanziger Jahre kannten bereits europäische Einigungsanstrengungen auf deutsch-französischer Basis. Insbesondere auf der Ebene nichtstaatlicher Organisationen entwickelte sich ein enges Netz transnationaler Elitenbeziehungen - gepflegt, aber auch heftig diskutiert in den bürgerlich-aristokratischen Intellektuellenkreisen der Nachkriegszeit. Aus der Perspektive europäischer Gesellschaftsbeziehungen nach 1919 deckt Guido Müller wichtige Tendenzen europäischer Integrationsentwicklung auf. Am Beispiel des Deutsch-Französischen Studienkomitees (1925-1938) und des in Wien gegründeten Europäischen Kulturbundes (1922-1934) legt er Wurzeln und Verflechtungen der Anhänger einer "konservativen Revolution" im europäischen "Philofaschismus" offen. Themen sind die deutsch-französischen Wirtschaftsdebatten vor und nach 1930 und die vergeblichen Versuche von europäischen Industriellen, eine gemeinsame Strategie gegen Bolschewismus und Nationalsozialismus zu entwickeln.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.09.2006
Aufschlussreich findet Rezensent Kurt Düwell diese Studie über transnationale Gesellschaftsbeziehungen in Europa nach dem Ersten Weltkrieg, die Guido Müller vorgelegt hat. Im Mittelpunkt der Untersuchung sieht er eine Reihe von privaten und gesellschaftlichen Initiativen zur Verständigung Frankreichs und Deutschlands, die vor allem im kulturellen und wirtschaftlichen Bereich angesiedelt waren. Erkennbar wird für Düwell ein weitverzweigtes transnationales Geflecht verschiedener Organisationen wie dem "Deutsch-Französischen Studienkomitee" oder dem "Europäischen Kulturbund", denen es um die Verbesserung des deutsch-französischen Verhältnisses ging. Richtig scheint ihm der personenbezogene Ansatz der Untersuchung - schließlich spielten neben den Gründern Mayrisch und Prinz Rohan auch führende Industrielle, Wissenschaftler und Künstler wie Robert Bosch, Hermann Bücher, Max Warburg, Andre Gide, Hugo von Hofmannsthal, Heinrich und Thomas Mann bei der Ausbildung der Netzwerke eine bedeutende Rolle. Lobend beurteilt Düwell schließlich Müllers Darstellung der zahlreichen Spannungen zwischen den privaten Initiativen und staatlichen Stellen.
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