Die Beiträge des ersten von zwei Bänden untersuchen, geordnet nach deren Geburtsdaten, das Leben fünfzehn bekannter deutscher und italienischer Klassischer Archäologen des 20. Jahrhunderts. Die Lebensbilder sind nicht auf die zwölf Jahre der NS-Diktatur beziehungsweise die 21 Jahre des italienischen Faschismus beschränkt, sondern liefern jeweils ganzheitliche Lebensbeschreibungen, die es ermöglichen, Kontinuitäten, Brüche und Entwicklungen langer Lebenswege zu würdigen. Trotz aller Unterschiede zeichnen sich die Biografien durch einen hohen Grad an Homogenität aus. Die Lebensläufe decken neben dem wissenschaftlichen Œuvre auch das ganze Spektrum möglicher Verhaltensweisen im totalitären System ab, vom Opfer rassistischer oder politischer Diskriminierung und Verfolgung zum Verfechter arischer Herrenmenschen-Ideologie, vom Parteigenossen zum Emigranten und Gegner des Regimes, vom Mitläufer über den Unpolitischen zum stillen Verweigerer.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.12.2012
In "Forschungscluster 5 / Lebensbilder" haben Gunnar Brands und Martin Maischberger die Biografien von fünfzehn Archäologen herausgegeben, ihr Ziel: die Aufarbeitung der Verstickungen der Disziplin im Nationalsozialismus, fasst Klaus Junker zusammen. Gruppenbiografien haben den Vorteil, dass Typisches leichter heraussticht und die Beziehungen zwischen Einzelnen und der Struktur erhellt wird, erklärt der Rezensent. Junker sieht einen großen Unterschied zwischen den Aussagen Gunnar Brands' im Vorwort und jenen der unterschiedlichen Biografen. Während Brands die Gruppe als Ganzes betrachtet und ihr sehr wohl ein typisches Verhalten vorwirft - bereitwillige Anpassung und Autoritätsglaube -, fällt es dem Rezensenten schwer, den Einzel-Biografien solche Pauschalisierungen zu entnehmen. Die sind wesentlich komplexer, dichter, und die Biografen sind sehr vorsichtig, irgendwem Schuld zuzuweisen, meint Junker. Wenn es Übereinstimmungen gibt, dann sind sie sehr partiell und sicherlich kein Alleinstellungsmerkmal der Archäologie - und auch nicht der damaligen Zeit: man findet "vielfältig vor sich selbst entschuldbaren Opportunismus auch im heutigen akademischen Betrieb", weiß der Rezensent.
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