Die "Geschichte der deutschen Exilliteratur" von Hans-Albert Walter gilt als Meilenstein der Exilliteraturforschung. Ausgangspunkt ist die Frage, warum es 1933 zu einer historisch beispiellosen Vertreibung von Autoren, Intellektuellen und Wissenschaftlern kommen konnte. Als Antwort legt der Autor eine Kultur- und Mentalitätsgeschichte der Weimarer Republik vor. Eine überwältigende Fülle von kultur- und alltagsgeschichtlichen Zeugnissen aus Tagebüchern, Briefen, Autobiographien, Zeitungen und Zeitschriften wird präsentiert. Wie hier der Zusammenbruch der Weimarer Republik aus einer präzisen Analyse der Mentalitäten plausibel gemacht wird, das ist nicht nur für die Literaturwissenschaft und die Wissenschaftsgeschichte, sondern überhaupt für alle Zeit- und Kulturhistoriker von höchster Relevanz.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 27.10.2004
Als das zur Zeit "heroischste Unternehmen der Literaturgeschichte" bezeichnet Karl Corino Hans-Alberts Geschichte der Exilliteratur, der er sich quasi im Alleingang seit Jahrzehnten gewidmet habe und die mittlerweile über fünf voluminöse Bände verfüge, wie Corino notiert. Alberts Haus im Taunus sei im Laufe der Jahre zu einem geheimen Zentrum der Exilforschung herangewachsen, staunt der Rezensent über die "regalbiegende" und "kopfsprengende" Materialfülle, die sich dort ansammelte und von Walter ausgewertet wurde. Der Autor hätte bei allen im Laufe der Jahre herausgegebenen Bänden das Ganze im Blick gehabt, lobt Corino, und insofern sei es unwesentlich, dass sie nicht chronologisch erschienen seien. Der nun vorgelegte Band zur Vorgeschichte des Exils, der sich mit der Phase des Ersten Weltkriegs beschäftigt, ist zugleich der letzte und erste Band der Enzyklopädie, und wie immer, jubiliert Corino, reich an neuen Erkenntnissen. Fast alle später links-pazifistischen Schriftsteller - mochten sie Brecht, Graf, Becher oder Kisch heißen - hätten "an ihrer Vergangenheit gedreht", ein sensationeller Befund laut Corino, der von einem unbestechlichen Blick des Verfassers zeugt.
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