Ein fast vergessener Roman und ein tief bewegendes Zeugnis: Niemand hat die Monate des Zusammenbruchs 1945/46 so eindringlich geschildert wie der Autor von "Jeder stirbt für sich allein". Dieses Buch über die verworrene Zeit zwischen Krieg und Frieden, in der mecklenburgischen Provinz und ganz besonders in der für ihre historische Schuld abgestraften Stadt Berlin, ist in seiner dennoch menschlich warmen und zugleich lebensnahen Schilderung ein echter Fallada. April 1945: Der Krieg ist vorbei, doch nachts verfolgen den Schriftsteller Dr. Doll Träume vom Bombentrichter, der ihn nicht freigibt. Er will etwas tun gegen den Alpdruck der Mitschuld, doch er kann es niemandem recht machen als Bürgermeister einer Kleinstadt, eingesetzt von der Roten Armee. Er stiehlt sich fort und flüchtet in den Drogenrausch. Im Chaos des zerbombten, nur auf dem Schwarzmarkt funktionierenden Berlin entgleitet ihm seine junge, morphiumsüchtige Frau, und er hat um zwei Leben zu kämpfen, als er zaghaft beginnt, wieder an eine Zukunft zu glauben.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 13.08.2014
Tobias Lehmkuhl spürt auf jeder Seite dieses kurzen Romans, wie der Autor ihn sich "abgerungen" haben muss. Wenn Hans Fallada die Leiden seiner Figur mit dem immergleichen Alptraum schildert, in dem ihn Stalin, Churchill und Roosevelt in einem Bombentrichter besichtigen, erkennt Lehmkuhl mühelos den Autor in der Figur wieder. Die Untergangsstimmung und die Apathie des Süchtigen sind für den Rezensenten ebenso Hinweise auf den autobiografischen Hintergrund des Textes, wie dessen Sehnigkeit und dass am Schluss trotz allem Hoffnung aufscheint.
Der Warnung Hans Falladas im Vorwort zu seinem im Jahre 1947 posthum erschienenen Roman "Der Alpdruck" kann sich Rezensent Claus-Ulrich Bielefeld nur anschließen: Das Buch liest er weniger als Kunstwerk, sondern vielmehr als nur wenig verklausulierte Krankheitsgeschichte des Autors, der in den letzten Jahren auf Grund seiner Alkohol- und Morphinsucht häufig zu Gast in Krankenhäusern und Nervenheilanstalten war. Der Kritiker folgt hier dem morphinsüchtigen Dr. Doll, Alter Ego des Autors, der mit seiner ebenfalls süchtigen jungen Geliebten Alma auf den Einmarsch der russischen Armee wartet. Dank Falladas gekonnter Erzählweise hat Bielefeld während der Lektüre nahezu das Gefühl, den sucht-vernebelten Blick des Autors und seiner Protagonisten zu erleben. Auch wenn es das "kitschige Happy End"nicht unbedingt gebraucht hätte, kann der Rezensent das Buch als wichtiges Dokument über die geistige und moralische Verfassung im Nachkriegs-Deutschland nur dringend empfehlen.
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