"20 Jahre nach dem Mauerfall ähneln die Krankheitssymptome des 'real existierenden Kapitalismus denen des 'real existierenden Sozialismus auf erschreckende Weise. Es ist vor allem die Unfähigkeit, die Ursachen einer krisenhaften Fehlentwicklung zu erkennen und dementsprechend umzusteuern. Der Sozialismus ist gescheitert, weil die Menschen mehr haben wollten, als zur Verfügung stand. Der Kapitalismus scheitert, weil die Menschen mehr konsumieren und in Anspruch nehmen, als sie verdienen. Die Menschen der DDR sind von einem Leben organisierten Mangels in ein Leben organisierter Schulden übergewechselt. Das sind nur zwei Seiten der gleichen Medaille. Und die Medaille heißt: Narzissmus." Dies schreibt der Psychiater Hans-Joachim Maaz im Vorwort zur Neuauflage seines 1990 zum ersten Mal erschienenen Bestsellers "Der Gefühlsstau". Seine Analyse, dass elementare seelische Blockierungen auch unfreie Gesellschaften hervorbringen, die entweder repressive Strukturen begünstigen oder einer illusionären Wachstumsideologie nachhängen, hat bis heute nichts an Aktualität eingebüßt.
Mit Freude begrüßt Anja Maier die Neuausgabe dieses Nachwendebestsellers, für die der Autor und Psychoanalytiker Hans-Joachim Manz ein neues Vorwort verfasst hat, das der Rezensentin besonders gut gefiel. Erleuchtung gibt sie auch bei der Kategorisierung der Ost- und Westdeutschen als Unter- und Obertane zu Protokoll, die nämlich nur zwei verschiedene Formen der Anpassung seien. Während die Westsozialisation mit ihrer immanenten Angst vor dem Abstieg Wohlverhalten und Anpassung zwecks Aufstieg erzwinge, habe die Ostsozialisation die Unterwerfung unter ein System verlangt. Daraus sei nach der Wende nun eine "kollektive Herrschafts-Unterwerfungs-Kollusion geworden". Auch unterschreibt Maier sofort, dass die Deutschen an sich unter einer "Wachstumsideologie mit Suchtcharakter" leiden. Na, dann gute Besserung auch.
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