Ob es um die deutschen Erfahrungen mit Migration und Fremdenhass ging, um die in den neunziger Jahren versprochene, aber trügerische "Friedensdividende" nach dem Ende des Kalten Krieges, um die terroristische Spur von Größenwahn und Rachsucht, Mordlust und Todeswunsch oder um den brutalsten Bürgerkrieg der modernen Geschichte - mit seinen Versuchen über den Unfrieden aus den Jahren 1992-2015 hat Hans Magnus Enzensberger vier Zeitanalysen vorgelegt, die hier in einem einzigen Band mit einem neuen Vorwort und einigen Aktualisierungen wieder vorgelegt werden. Der Grund dafür ist einfach: Die Konflikte, von denen sie handeln, haben sich derart zugespitzt, dass alle Versuche, sie zu verharmlosen oder zu leugnen, gescheitert sind.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 29.08.2015
So groß und feierlich die Besprechung von Martin Meyer daherkommt - sie nimmt die ganze Seite 1 des NZZ-Samstagsfeuilletons ein - so dringend ist der Hinweis, dass es sich hier um drei alte Texte handelt, die Enzensberger laut Rezensent allenfalls um ein paar Fußnoten ergänzt hat. Hinzukommt ein vierter Essay über eine fundamentalistisch-christliche Bewegung im China des 19. Jahrhundert, über den Meyer aber kaum ein Wort verliert. Ihm geht es vor allem darum, seine Bewunderung für Enzensbergers Diagnosen auszudrücken. Die Essays über Migration und den "molekularen Bürgerkrieg" lösten Anfang der neunziger Jahre riesige Diskussionen aus, die in heutigen Feuilletons kaum mehr denkbar sind. Und Enzensberger hatte Recht!, ruft Meyer: Die Territorien sind zerfallen, wie er es einst voraussagte, der Bürgerkrieg hat sich generalisiert, der Glaube an eine Besserung ist ad acta zu legen. Nur der Nachzügler-Essay über die "radikalen Verlierer" liest sich angesichts der Triumphe des Islamischen Staats ein wenig veraltet, meint Meyer. Aber wiederlesen lohnt sich bestimmt auch hier!
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