Um die Gewaltexplosionen des 20. Jahrhunderts erklären zu können, ist eine Auseinandersetzung mit der quasi-religiösen Faszinationskraft moderner Ideologien unerlässlich. Omer Bartov, Philippe Burrin, Hermann Lübbe und andere renommierte Experten diskutieren diesen neuen Interpretationsansatz.
"Merkwürdig" findet Franz Schuh dieses Buch, vor allem wohl, weil es vor dem 11. September konzipiert wurde und das Phänomen der sakralisierten Politik beziehungsweise der politisierten Religion mit ihren Gewaltpotenzialen allein für Europa und allein für die Vergangenheit abgehandelt wird. Schuh scheint dennoch einiges aus der Lektüre mitgenommen zu haben. Er weist unter anderem auf einen Essay Herrmann Lübbes hin, der über die Friedhofsreform im Zeitalter der Aufklärung nachdenkt: Die zentralen Friedhöfe wurden zu klein, man verlegte sie aus hygienischen Gründen an den Stadtrand - wo man dann in der Phase des "Terrors" in der Französischen Revolution auch die massenhaft Guillotinierten deponierte. Ganz schnell wurde so, in Lübbes Worten, aus der "Reinigung der Gesellschaft vom Tod eine Reinigung der Gesellschaft durch den Tod". Schuh weist außerdem auf einen Essay Emilio Gentiles hin, aus dem er lernte, dass "die erwünschte Trennung von Staat und Religion" keine absolute Garantie für eine Zähmung der politischen Gewalt darstelle. Seine Aktualität scheint dieser Tagungsband also gewahrt zu haben.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 10.03.2001
Wer, dem Untertitel des Buches vertrauend, eine intensive Auseinandersetzung mit dem Modell "säkularer" bzw. "politischer" Religionen erwartet, warnt Rezensent "jah", wird enttäuscht. Was die Lektüre des Sammelbandes dagegen wirklich verheißt, lässt sich offenbar rasch umreißen: Namhafte Autoren wie Emilio Gentile und Hermann Lübbe, so steht es in der kurzen Besprechung, diskutieren die Bedeutung der Gewalt sowie die Tradition ihrer Verherrlichung durch totalitäre Regime im 20. Jahrhundert. Was der Rezensent dabei an Erkenntnissen gewinnt, scheint gleichfalls bescheiden. Ob er sich mit der hier mitgeteilten Einsicht in die "gewaltentgrenzende Wirkung des Ersten Weltkrieges" allerdings zufrieden gibt oder nicht, bleibt sein Geheimnis.
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