Sobald es um Ästhetik geht, also um nicht exakt abwägbare Dinge, gibt es unterschiedliche Haltungen. Auch in der Typografie äußerten sich Schriftgestalter immer wieder unterschiedlich zur Eignung verschiedener Schriften, über den optimalen Satzspiegel, die Verwendung schmückender Elemente etc. Hans Rudolf Bosshard gibt dazu einige historische Beispiele von Bodoni und Bertuch zu Morris und Morison , um auf den sogenannten "Typografiestreit der Moderne" zwischen Jan Tschichold und Max Bill zu kommen, der 1946 stattfand und einige Wogen schlug. Auslöser war ein Vortrag Tschicholds mit dem Titel "Konstanten der Typografie", bei dem er seine früheren, maßgeblichen Regeln zur neuen Typografie aufgrund seiner negativen Erfahrungen mit dem NS-Regime stark relativierte. Max Bill war enttäuscht über den Sinneswandel des einstigen Vorreiters der neuen Typografie und sah in der Forderung zur Wiederaufnahme traditioneller Gestaltungsformen einen Angriff auf die Moderne. Beide machten einander in der Folge den Vorwurf, gestalterisch der nationalsozialistischen Ästhetik nahezustehen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 03.09.2012
Zu der Kontroverse zwischen Max Bill und Jan Tschichold, ausgetragen 1946 in den Schweizer Grafischen Mitteilungen, die der Schweizer Typograf Hans Rudolf Bosshard in seinem Buch nachzeichnet, steuert der Autor laut Martin Z. Schröder nichts wesentlich Neues bei. Im Gegenteil, Schröder wirft dem Autor vor, den Funktionalismus Bills zu verherrlichen, für ihn ein atavistisches Unterfangen, wie er schon an der Gestalt des Buches erkennt, das ihn an die 1920er Jahre erinnert. Außerdem verurteilt er die unkritische Haltung Bosshards betreffend die politischen Komponenten der Kontroverse.
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