Hans Ulrich Gumbrecht

Sepp

Mein Leben auf Halbdistanz
Cover: Sepp
Suhrkamp Verlag, Berlin 2026
ISBN 9783518432792
Gebunden, 493 Seiten, 30,00 EUR

Klappentext

Der emeritierte Stanford-Professor Hans Ulrich Gumbrecht blickt auf mehr als ein halbes Jahrhundert Lebensgeschichte zurück. Alles beginnt 1948 im zerbombten Würzburg, aber schon bald lockt ihn sein Ehrgeiz auf eine atemberaubende Reise rund um den Globus. Am berühmten Lycée Henri IV eifert er im Paris der 1960er Jahre dem Habitus französischer Intellektueller nach, in Salamanca beginnt er zu schreiben, an der Copacabana spürt er die Präsenz der Vergangenheit und im Silicon Valley erlebt er die Geburt einer neuen Form des Denkens. Gumbrecht beschwört Szenen für die Ewigkeit herauf: einen Sündenfall vor der Erstkommunion, Lunch mit Michel Foucault, drei Sätze mit Neymar, eine Gefängnisnacht in San José und einen Puma im Schnee der Anden.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 09.04.2026

Gut unterhalten fühlt sich Rezensent Jörg Magenau von diesem Buch. Was durchaus erstaunlich ist, hat es doch ein nicht unbedingt allzu hell glitzerndes Thema: eine Wissenschaftskarriere. Aber der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht hat in seinem Berufsleben, das ihn von Konstanz und Bochum aus in die weite Welt, bis in die USA und nach Japan führte, eben doch einiges erlebt und wartet in seiner autobiografischen Schrift außerdem mit überraschenden Hinweisen auf. Zum Beispiel mit dem, dass er selbst gar nicht mal so gerne liest. Das Erinnerungsbuch strukturiert Gumbrecht nicht chronologisch, sondern entlang der Orte seines Lebens. Das funktioniert laut Magenau mal mehr, mal weniger gut, aber es passt zum Konzept der Präsenz, das Gumbrecht in die Literaturwissenschaft eingeführt hat und das die körperliche Situierung Schreibender und Lesender betont. Gumbrecht selbst nimmt jedenfalls, so der angetane Rezensent, in diesem schönen Buch eine produktive Halbdistanz zu seinem Leben ein.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.03.2026

Wozu er oder ein anderer Leser Hans Ulrich Gumbrechts Autobiografie lesen soll, ist Rezensent Jürgen Kaube eigentlich schleierhaft. Gumbrechts Karriere gründet nach Aussage des Autors selbst eigentlich nur auf dem Wunsch, Karriere zu machen. Daher auch die lange Publikationsliste, die Gumbrecht vorweisen kann. Immerhin: So viel Ehrlichkeit über die eigenen Ambitionen muss Kaube dem rastlosen Professor einfach zugutehalten. Darüber hinaus bietet das Buch laut Rezensent allerhand Namedropping, gekränkte Eitelkeit und Passagen, spannend wie ein Telefonbuch. Ach ja, für alle, die es interessiert: Seine Auseinandersetzungen mit Hans Robert Jauß schildert Gumbrecht scharf und ausführlich, meint Kaube.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 14.03.2026

Ein ambivalentes Leseerlebnis ist dieses Buch Hans Ulrich "Sepp" Gumbrechts für Rezensent Johan Schloemann. Gumbrecht lässt hier seine erfolgreiche Karriere als Geisteswissenschaftler Revue passieren und erzählt gleichzeitig von den verschiedenen Stationen seines Lebens. Schon in seiner Jugend wurde er von seinem Vater zwecks Weiterbildung in alle Welt verschifft, später lehrte er unter anderem in München, Berkeley, Kyoto und Rio. Mal lesen sich die Reminiszenzen unterhaltsam und erlauben durchaus Einblicke in eine sich formierende, den gesamten Globus umspannende Denkgemeinschaft; mal verliert sich das Buch jedoch auch in einem eher touristischen Tonfall, auch kann Schloemann wenig damit anfangen, wenn Gumbrecht sich selbst vermeintlich bescheiden, tatsächlich jedoch eher kokett einen Mangel an Talent attestiert. Interessant ist gleichwohl, wie Gumbrecht von der akademischen Aufbruchsstimmung der Nachkriegszeit berichtet, deren Teil er selbst war und deren Energie er später immer wieder zu beschwören versuchte. Als dezidiert subjektive Erzählung über die jüngere Geistesgeschichte mit Gastauftritten von Rorty, Luhmann und anderen liest Schloemann das alles doch recht gern, merkt aber an: die Welt, über die Gumbrecht schreibt, gibt es nicht mehr, und eine Karriere wie die Gumbrechts wird es auch kein zweites Mal geben.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 12.03.2026

Ein aufregendes Leben breitet Hans Ulrich Gumbrecht, genannt Sepp, in seiner Autobiografie aus, so Rezensent Alexander Cammann. Der einflussreiche und äußerst produktive Literaturwissenschaftler beschreibt sich selbst als Kosmopolit, aufgewachsen ist er in einem dank Wirtschaftswunder wohlhabenden Elternhaus, weshalb er schon früh BMW fahren konnte und von seinem Vater in diverse ferne Länder geschickt wurde. Auch später ist Gumbrecht mal hier mal da, in Spanien und Israel, zwischendurch auch mal in der deutschen Provinz, später dann vor allem in Kalifornien. Zentrales Thema des Erinnerungsbuches ist die Internationalisierung der deutschen Geisteswissenschaften, außerdem geht es um Gumbrechts zwei Ehen, um Theoriekämpfe, Karl Heinz Bohrer und Sepps Begegnungen mit Fußballstars. Insgesamt fügt sich das zum aufregenden, von Brüchen geprägten Lebenslauf eines unkonventionellen Akademikers - der dann auch noch im Vorwort behauptet, dass er selbst überhaupt nicht gerne liest. Cammann weiß nicht, ob er ihm das glauben soll, seinerseits hat er dieses Buch so oder so gern gelesen.

Beliebte Bücher

Robert Seethaler. Die Straße - Roman . Claassen Verlag, Berlin, 2026.Robert Seethaler: Die Straße
Die Straße ist nicht im Zentrum der Stadt und nicht an ihrem Rand. Versteckt liegt sie irgendwo dazwischen. Kein Besucher würde sich dorthin verirren, und doch passiert in…
Nelio Biedermann. Lázár - Roman . Rowohlt Berlin Verlag, Berlin, 2025.Nelio Biedermann: Lázár
Alles beginnt, sogar das Ende, als Lajos von Lázár, das blonde Kind mit den wasserblauen Augen, zur Welt kommt. Seinem Vater, dem Baron, wird der Sohn nie geheuer sein, als…
Lukas Rietzschel. Sanditz - Roman . dtv, München, 2026.Lukas Rietzschel: Sanditz
Ein imposantes Bild der deutschen Gesellschaft - von der DDR bis in die GegenwartSanditz, eine Kleinstadt am Rande der Republik. Hier leben alte Offiziere, Bürgerrechtler,…
Elizabeth Strout. Erzähl mir alles - Roman. Luchterhand Literaturverlag, München, 2026.Elizabeth Strout: Erzähl mir alles
Aus dem Englischen von Sabine Roth. Elizabeth Strout kehrt zurück in die Küstenstadt Crosby in Maine - zu ihren Heldinnen Lucy Barton und Olive Kitteridge. Es ist Herbst…