Am Volk vorbei
Zur Krise der liberalen Demokratie

C.H. Beck Verlag, München 2026
ISBN
9783406844324
Gebunden, 208 Seiten, 25,00
EUR
Klappentext
Alle reden von der Demokratie und ihrer Krise. Aber was meinen wir eigentlich, wenn wir von der Demokratie sprechen? Jörg Baberowski erinnert an ihre große Stärke: daß sie politische Gegner nicht zu Todfeinden werden lässt, weil auch der Unterlegene darauf hoffen darf, bei den nächsten Wahlen zu triumphieren. Eine Demokratie, die sich vor den Leidenschaften des Volkes fürchtet und den Raum des Politischen verengt, beraubt sich dieser Kraft. Wenn wir unsere Freiheit bewahren wollen, müssen wir die Souveränität über unsere Entscheidungen zurückgewinnen. Denn sonst werden die Anwälte der autoritären Ordnung leichtes Spiel haben, uns einzureden, daß die Diktatur die eigentliche Demokratie sei.
Überall müssen diejenigen, die sich auf das Volk berufen, dem kritischen Blick derer standhalten, die sie vertreten wollen. Im Modell der Repräsentation ist der Populismus daher als Möglichkeit immer schon enthalten. Der laut vorgetragene Widerspruch aber ist nicht bloß eine unanständige Regung des "Pöbels", sondern ein Hinweis darauf, dass viele Menschen sich nicht gesehen und vertreten fühlen. Der Populismus ist ein Schmerzensschrei, der nach Aufmerksamkeit verlangt. In diesem Sinn ist er auch eine Belebung der Demokratie. Wer unbequeme Meinungen nicht hören will und sie pauschal ausgrenzt, beraubt die Demokratie ihrer größten Stärke: dass sie es uns erlaubt, auch im Streit mit anderen im Einklang zu sein. Wo politische Gegner einander das Existenzrecht absprechen, verwandelt sich der Andersdenkende in einen Unmenschen. Das wäre das Ende der Demokratie. So ist dieses Buch ein Versuch, es allen und keinem Recht zu machen und den Streit der Parteien als das zu erweisen, was er ist: der eigentliche Kern der Demokratie.
BuchLink. In Kooperation mit den Verlagen (
Info)
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 20.03.2026
Rezensent Eckhard Jesse empfiehlt zum Buch von Jörg Baberowski die Lektüre von Anne Applebaum. Die etwas einseitige zur Dämonisierung der Gegenwart neigende Sicht des Autors auf Populismus und Demokratie erhält so ein Gegengewicht, meint Jesse. Dass der Autor nach einem Gang durch die Geschichte der Demokratie in diesem Essay seinen Standpunkt darlegt, wonach die Krise der Demokratie den Populismus befördere, nicht umgekehrt, findet Jesse allerdings erfrischend. Auch weil Baberowski scharf und scharfsinnig argumentiert, wenn er die Demokratie als Resonanzraum vieler Stimmen zeichnet. Überzeugt zeigt sich Jesse vom Text etwa, wenn er die moralisierende Haltung demokatischer Kräfte kritisiert. Nur manchmal erscheint ihm die Schärfe unangebracht und in eine Verteufelung der Verhältnisse und eine zu geringe Durchleuchtung des Populismus umzuschlagen. Dann hilft, wie erwähnt, Applebaum, glaubt er.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 13.03.2026
Rezensent Thomas Steinfeld findet Jörg Baberowskis Buch über die Krise der Demokratie ganz schön schmal für den Anspruch, damit eine"historische Ableitung es modernen Staates" zu vollziehen. Baberowskis Haltung erscheint ihm politisch radikal und geprägt von einer negativen Anthropologie, gespeist aus christlichen Quellen. Die Feststellung des Autors, die Demokratie bestehe aus Widersprüchen, genügt dem Rezensenten allerdings nicht, um die Aktualität einer "Krise" zu beglaubigen oder den im Buch aufscheinenden Alarmismus zu rechtfertigen. Wenn der Autor sich schließlich dem Populismus und dem Programm der AfD nähert, indem er etwa von einem Volk und einem Territorium als wichtigem Bezugspunkt von Demokratie schreibt, runzelt Steinfeld energisch die Stirn.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 07.03.2026
Interessiert und mit kleinen Abstrichen zugewandt liest Rezensent Thomas Schmid Jörg Baberowskis Buch über die Erfolge rechtspopulistischer Parteien in Europa. Baberowski hält nicht viel von jenen, die "unsere Demokratie" gegen die Populisten verteidigen wollen, schließlich gehört die Demokratie allen, auch den Populisten. Mit Verweisen auf Denker von rechts, etwa Carl Schmitt, bis links, etwa Chantal Mouffe, zeigt Baberowski Probleme der gegenwärtigen europäischen Demokratie auf, die die Rechte erst auf den Plan gerufen hat - darunter eine Tendenz zur Verrechtlichung, die politische Veränderung faktisch auszuschließen versucht. Nicht einverstanden ist Schmid, wenn Baberowski immer wieder die zentrale Rolle von Herrschaft und Unterwerfung für die Gesellschaft betont und sich überhaupt gern in Düstermalerei ergeht. An den realen Probleme, die Baberowski beschreibt, ändert das nichts, schließt der Rezensent, der das Buch politischen Entscheidern zur Lektüre empfiehlt.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 05.03.2026
Rezensent Thomas E. Schmidt liest Jörg Baberowskis Gedanken zur rechtspopulistischen Gefährdung der Demokratie mit viel Interesse, auch wenn er dem Autor am Ende in einem entscheidenden Punkt nicht zustimmt. Baberowski, soweit gefällt das Schmidt, verzichtet aufs Moralisieren und plädiert insgesamt für Gelassenheit. Zitatreich und etwas arg ausführlich arbeite sich der Osteuropahistoriker an der Geschichte der Volksherrschaft ab, und zeichne die Genese einer liberalen Demokratie nach, die sich aus bürgerlichen Idealen und einem Gedanken der Volkssouveränität speist. Diese liberale Demokratie war, so referiert der Rezensent den Buchautor, immer schon hochgradig gefährdet, ein stabiles Fundament fand sie nie. Der neue Autoritarismus ist für Baberowski nicht das andere, sondern ein Kind dieser liberalen Demokratie. Insofern habe der Autor auch keine Angst vor einem AfD-Wahlsieg, vielmehr sei er überzeugt, dass sich Rechte auch wieder abwählen lassen. Wenn es darum geht, die Demokratie zu verteidigen, setze er eher auf kulturelle als auf politisch-rechtliche Strategien, insbesondere plädiere er für eine bessere Gesprächskultur. Hier setzt Schmidts Kritik an: Als realistisch-konservative politische Analyse hat das Hand und Fuß, als praktische Anleitung für eine Auseinandersetzung mit dem neuen Illiberalismus taugt es weniger. Schmidt glaubt angesichts Trumpscher Eskapaden schlicht nicht daran, dass sich die Gefahr so leicht einhegen lässt, wie Baberowski vermutet.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 23.02.2026
Der Osteuropa-Historiker Jörg Baberowski fragt sich in seinem neuen Buch, wie die liberale Demokratie in ihre derzeitige Krise geschlittert ist, erklärt Kritikerin Katharina Döbler, die wenig überzeugt von seinen Thesen ist. Mit einem Rückblick auf die Geschichte der Demokratie arbeitet er sich zur Krise des Kapitalismus vor, zum Aufkommen des Neoliberalismus, den er als Elitenprojekt leidenschaftlich kritisiert, wie Döbler herausarbeitet. Die Demokratie sei gegenwärtig ein "Machtapparat", der sich mithilfe von staatlich gesteuerten Medien und Behörden selbst erhalte. Welche Rolle hierbei die Universitäten spielen, an denen der Autor jahrelang gearbeitet hat oder beispielsweise auch Lobbyismus? Diese Frage bleibt der Autor der Rezensentin schuldig. Für Baberowski wollen Populisten nicht die Abschaffung der Demokratie - eine recht steile These, die man leicht widerlegen kann, so die Kritikerin. Vielleicht wäre eine Definition von "Populismus" hier hilfreich gewesen, aber die gibt es nicht, genauso Vorschläge für Auswege aus der derzeitigen Situation.