Die Abschottung der Welt
Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen. 1933-1945

C.H. Beck Verlag, München 2026
ISBN
9783406843013
Gebunden, 384 Seiten, 34,00
EUR
Klappentext
Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung. Mit 19 Abbildungen und 2 Karten. In Deutschland drangsaliert und verfolgt, versuchten viele Juden verzweifelt, sich ins Ausland zu retten. Doch potenzielle Zufluchtsstaaten schlossen ihre Grenzen und schotteten sich mit jeder weiteren deutschen Expansion stärker ab. Der Völkerbund und die US-Regierung bemühten sich erfolglos, die Flüchtlingspolitik zu koordinieren: Auf der Konferenz im französischen Évian berieten im Juli 1938 Staaten und Hilfsorganisationen über die Aufnahme von Flüchtlingen - ohne Ergebnis. Die Nazis höhnten, niemand wolle die Juden haben. Da Flüchtlingen eine reguläre Einreise verwehrt blieb, bestiegen sie seeuntüchtige Boote, bezahlten Fluchthelfer und gingen illegale Wege, um sich in Sicherheit zu bringen. Eine notwendige und beklemmende Lektüre, denn die demokratischen Staaten scheinen bis heute nur wenig dazugelernt zu haben.
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Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 23.06.2026
Für Rezensent Stefan Reinecke wendet sich Susanne Heim mit ihrem Buch über die Judenverfolgung in Europa ab 1933 und die unterschiedlichen Fluchtbewegungen auch an künftige Generationen, ohne allerdings nach Aktualisierungen zu schielen. Wie Heim ihre Chronik der Flucht aus verschiedenen Blickwinkeln aufbaut, findet Reinecke souverän. Der Leser erkennt die perfide Bürokratie und folgt geflohenen Juden bis nach Shanghai, Kobe und Sibirien, erläutert Reinecke. Heims Erzählung findet er schnörkellos und analytisch. Eine "vitale" Erzählung wie bei Saul Friedländer gelingt der Autorin allerdings nicht, so der Rezensent. Die wenigen Lichtstrahlen und Lichtfiguren in dieser dunklen Geschichte sind für Reinecke Balsam.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 15.06.2026
"Kenntnisreich wie einfühlsam" macht die Historikerin Susanne Heim für die Rezensentin Annette Weinke nachvollziehbar, wie jüdische Flucht zwischen 1933 und 1945 aussah und sich veränderte. Zunächst herrschte unter vielen deutschen Jüdinnen und Juden die Hoffnung, die "antijüdische Gewaltpolitik" der Nazis würde wieder abflauen, eine Hoffnung, die sich mit dem Auseinanderfallen des Völkerbundes aber nahezu pulverisierte, wie die Autorin auf reicher Quellenbasis zeigen kann. Während Akteure wie Max Warburg versuchten, mit dem NS-Regime zu verhandeln, um Ausreisen zu ermöglichen, waren Flüchtlingsabkommen ab der Mitte der 1930er Jahre eher daran interessiert, Belastungen für andere Staaten zu minimieren - besonders das unkoordinierte Vorgehen hat die Bedingungen dabei verschärft, lernt die Kritikerin. Die Autorin macht darauf aufmerksam, dass nach Kriegsausbruch kaum noch eine Flucht möglich war und erinnert an Helfer wie Varian Fry oder das Ehepaar Lisa und Hans Fittko, die viele Leben gerettet haben, so Weinke. Ihr leuchtet ein, warum Heim auch Bezüge zur heutigen Zeit aufmacht und skeptisch fragt, wie wohl die Flüchtlingspolitik unserer Zeit einst bewertet werden wird.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 04.05.2026
Die Historikerin und Politikwissenschaftlerin Susanne Heim widmet sich in ihrem neuen Buch den strukturellen Dimensionen von Flucht und Vertreibung der Juden im Nationalsozialismus und zeigt vor allem das Versagen vieler Staaten, in dieser Situation angemessen zu reagieren, wie Kritiker Florian Keisinger festhält. Eine frühe Flucht bedeutete bessere Überlebenschancen, erfahren wir, doch viele Juden fühlten sich Deutschland verbunden und hielten an der Hoffnung fest, die Verhältnissen würden sich schnell wieder ändern. Bis 1938 waren es jährlich mehrere zehntausend Juden, die Deutschland verließen, die Einreise nach Palästina wurde aber schnell von der britischen Mandatsregierung eingeschränkt, leider kein Einzelfall, wie Keisinger liest. Auch die USA und die Schweiz verfolgten eine rigide Politik, bei der nur einzelne Beamte Ausnahmen bildetet - nach Beginn der Deportationen in die Vernichtungslager ordnete der Bundesrat beispielsweise an, "kategorisch" auszuweisen, auch wenn daraus "ernsthafte Nachteile" entstünden, bemerkt der Rezensent einigermaßen fassungslos. Er lobt das Verdienst Heims, dieses Versagen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 04.05.2026
Erschütternde Erkenntnisse zieht Rezensent Christoph Vormweg aus Susanne Heims konziser Studie. Die Historikerin nimmt darin in den Blick, wie andere Staaten während des deutschen Nationalsozialismus auf die Flucht der Juden reagierten, und bringt durch ihre umfangreiche Archivforschung in Deutschland, Israel und den USA sowie durch die Befragung von Überlebenden und anderen Zeugen zutage: Abschottung und Umlenkung überwogen klar gegenüber der Aufnahme, kriegerische Interessen wurden über die Rettung der Juden gestellt. Wie verständlich und doch angemessen komplex Heim dabei durchweg schreibe, etwa, wenn sie das Scheitern der von Roosevelt initiierten Konferenz in Evian 1938 erklärt, erntet den großen Respekt des Kritikers. Gleichzeitig merkt er der Autorin die Anstrengung an, das eigene "Entsetzen" über die Sachlage zu "bannen", was der Klarheit der Darstellung aber keinen Abbruch tue. Für Vormweg eine fachlich souveräne und doch sehr lesbare historische Studie, die ein starkes Misstrauen beim Thema Flüchtlingspolitik lehrt, schließt er bitter.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.03.2026
Rezensentin Tania Martini lernt sehr viel über die Ausweglosigkeit der Fluchtbemühungen europäischer Juden zur Zeit des Nationalsozialismus mit dem Buch der Historikerin Susanne Heim. Das Labyrinthische der Ein- und Ausreisebestimmungen wird ihr erstmals in seinem ganzen Ausmaß deutlich, schreibt Martini. Ausschlaggebend dafür ist laut Martini die enorme Recherchearbeit der Autorin und ihr Ansatz, sich nicht auf lokale Fluchten oder Einzelschicksale zu beschränken, sondern historisch umfassend das perfide System der NS-Politik, aber auch die teils absurden Regelungen anderer Länder, die Fluchtrouten und die Schutzlosigkeit der Juden zu dokumentieren und zu analysieren. Das alles ist sehr kenntnisreich und umfassend dargestellt in diesem hervorragenden Buch, erklärt Martini.