Berühmt ist Fichte als einer der Gründungsväter des deutschen Idealismus, als philosophischer Impulsgeber und Widerpart von Klassik und Romantik. Doch heute zeigt sich, mit welcher Willkür man ihn zwei Jahrhunderte lang hat vereinnahmen wollen - als Revolutionsprediger, Atheisten und Heilsdenker, als Weltbürger, Antisemiten und Chauvinisten, als Urvater des Nationalsozialismus, aber auch als Repräsentanten der modernen Emanzipationsidee und einer starken Subjektivität. Genau besehen erweist sich dieser "Ketzer einer ganz neuen Gattung" als couragierter Intellektueller, der seinen Professorenstatus aufs Spiel setzt um der Selbstermächtigung der eigenen Nation willen. Am Ende des 18. Jahrhunderts ist die politische Erregtheit um den Philosophielehrer und seine "Vernunft im Kampfe" kaum zuermessen. Dabei tritt Fichte in Erscheinung als ein Deutscher aus republikanischer und kosmopolitischer Passion. In der illustren Genealogie von Aufklärern wie Voltaire, Kant und Lessing, Zola, Thomas Mann, Sartre und Habermas darf Fichte nicht fehlen.
Ein Intellektueller voller Widersprüche war Johann Gottlieb Fichte, erfährt Rezensent Helmut Böttiger von Literaturprofessor Harro Zimmermann: Philosoph, Demokrat, in ärmliche Verhältnisse hineingeboren, aber sehr klug, er kann sich durch Bildung emporarbeiten. In den Wirren der Spätaufklärung arbeitete er als Hauslehrer, was sich durch seinen aufmüpfigen Charakter schwierig gestaltete, wie wir lesen, eine Kant-Lektüre führte zum ein Erweckungserlebnis und Fichtes "Entdeckung der Vernunft" war dann sein philosophischer Durchbruch 1791. Zimmermann hat hier Böttiger zufolge eine äußerst aufschlussreiche "Materialsammlung" zusammengestellt, die zwar gelegentlich an sprachlicher wie inhaltlicher Überfrachtung krankt, aber dennoch unbedingt lesenswert ist, nicht zuletzt, weil sie auch die Irrungen und Wirrungen von Fichtes Ich-Theorie und die Argumente seiner Gegner aufzeigt.
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