Müttertreffen und Spielplatz, WG und ICE sind die Orte, an denen sich genaue Beobachtungen wie Puzzlestücke zu einer Analyse verdichten, deren Erkenntnisgegenstand das Kinderhaben ist. In kurzen, in sich geschlossenen Abschnitten betreibt Heide Lutosch Theoriebildung, die marxistisch, feministisch und psychoanalytisch geschult ist und dabei schonungslos nah an der eigenen Erfahrung bleibt. Sie spricht aus, was nicht ansprechbar scheint: die Mühen, den Frust und das ganz individuelle Gefühl des Scheiterns an dem Vorsatz, alles anders zu machen - vor allem anders als die eigene Mutter. Wütend fragt sie, warum Feministinnen heute noch immer mit denselben Problemen kämpfen wie vor fünfzig Jahren, warum die gerechte Verteilung von Sorgearbeit nach wie vor so wenigen Paaren gelingt, und was sich gewinnen lässt, wenn wir diese vermeintlich privaten Fragen gesellschaftlich zu lösen versuchen. Denn in der scheinbaren Selbstverständlichkeit des Kinderhabens verbirgt sich ein Pulverfass, das auf eine progressive Veränderung der gesamten Gesellschaft drängt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.05.2023
Sehr nachvollziehbar ist für Rezensentin Katharina Teutsch, was Heide Lutosch über die ungleich verteilte Arbeit von Eltern schreibt, die in Westdeutschland sozialisiert wurden. Gleichzeitig ist sie erleichtert, dass Lutosch in ihrem Essay einen Ausweg aufzeigt: Es müsse endlich Schluss sein mit dem Automatismus, dass Frauen für die "emotionale Familienarbeit" zuständig seien. Wie in allen menschlichen Beziehungen sieht die 1972 in Niedersachsen geborene und heute in Sachsen lebende Autorin Verantwortliche auf vielen Seiten, schreibt die Kritikerin. Mütter wie Väter seien vom perfektionistischen und kontrollierenden Vorbild ihrer eigenen Eltern geprägt. Die heute junge Kleinfamilie sei deshalb noch immer der perfekte Ort einer "kapitalistischen Männergesellschaft", die Leistung von Hausfrauen nicht anerkenne. Der Text rüttelt auf, findet Teutsch, das Projekt Emanzipation endlich zu Ende zu führen.
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