Wilhelm Genazino wurde mit der Romantrilogie um den Büroangestellten Abschaffel bekannt, einer minuziösen Analyse des "Alltagsirrsinns" und des in einer durch Entfremdung gekennzeichneten Arbeitswelt vereinsamten Individuums. Abschaffels Neurosen und Idiosynkrasien kennzeichnen auch die Protagonisten der folgenden Texte, doch zersplitterte Genazinos Erzählen zunehmend in Fragmente und Prosaminiaturen. Die Beiträge des "Text und Kritik"-Hefts, das auch einen neuen Text von Genazino enthält, untersuchen unterschiedlichste Aspekte des Werks, von der Epiphanie des Gegenständlichen über den Zusammenhang von Erinnern und Erzählen bis hin zur Selbstreflexivität und zur Phänomenologie des Sehens.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 06.11.2004
Als "profund" lobt der "kru." zeichnende Rezensent diesen "Text + Kritik"-Band, der dem diesjährigen Büchnerpreisträger Wilhelm Genazino gewidmet ist. Genazinos Helden und Ich-Erzähler nennt er "Virtuosen einer hochempfindlichen Wahrnehmung der Realität, die sie zu ertragen lernen müssen". Wilhelm Amann charakterisiere sie als "prekäre Existenzen", die "mit ihrer vagabundierenden Reflexionsbereitschaft" Widerstand leisteten "gegen die Zumutungen einer postmodernen Fassadenwelt". Werner Jung beschreibe Genazinos ästhetisches Verfahren als "Konstruktion des Textes aus dem wahrnehmenden Blick", während Marit Hofmann den Autor als "Beobachter zweiten Grades" verstehe. Samuel Moser wiederum begreife Genazinos Helden als "Experten der Sehnsucht", die sich kraft ihrer Selbstreflexivität im "Glanz der Glanzlosen" sonnen, dabei aber auch ein Leben "erfinden" müssen in einer Gesellschaft, "die sie entweder zu erdrücken oder an den Rand zu schleudern droht". Der Rezensent hebt hervor, dass Genazinos Romane auf der anderen Seite den Sinn für das Erinnerns- und Aufhebenswerte thematisierten, das vom Vergessen und vom Verschwinden bedroht sei. Einen Aspekt von Genazinos Schaffen sieht der Rezensent in vorliegendem Band allerdings vernachlässigt, seinen Humor.
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