Helene Hegemann

Schlachtensee

Stories
Cover: Schlachtensee
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2022
ISBN 9783462001686
Gebunden, 272 Seiten, 23,00 EUR

Klappentext

In fünfzehn Episoden sprengt Helene Hegemann sämtliche Kategorien, über die wir die Gegenwart zu begreifen versuchen. Ein Pfau wird mit einem Golfschläger getötet und entlarvt die Doppelmoral der amerikanischen Kulturelite. Eine junge Frau will zu ihren Eltern in die österreichische Provinz fahren und verpasst immer wieder ihre Station. Ein Bad in der Wolga markiert das Ende einer zerstörerischen Beziehung. Ein Junge verliebt sich in einen anderen, während sie von fünfzig Wildschweinen umzingelt werden. Eine Snowboarderin wacht unter einer Schneedecke auf. Ein Gemälde von Monet stürzt einen Kunstexperten in eine tiefe Sinnkrise. Es sind versehrte, kraftvolle Figuren, die Helene Hegemann durch das Buch und eine Welt wandern lässt, in der Gewalt am gefährlichsten ist, wenn sie unterdrückt werden soll, in der das Abarbeiten an Widersprüchen schmerzhaft, aber auch ein großes Vergnügen sein kann. Nach und nach setzt sich ein Psychogramm unserer Gesellschaft zusammen, das verstörend und beglückend zugleich ist.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 11.06.2022

Rezensentin Julia Lorenz meint eine Wende in Helene Hegemanns Schreiben zu beobachten. Während nach Lorenz die vorherigen Erfolgsromane der 30-jährigen Autorin von "Krassheit" und Härte dominiert waren, die man als allzu verkrampfte Kitschvermeidungsstrategie kritisieren konnte, blitzen nun in ihrem neuen Erzählband Momente der Zartheit, der Verletzlichkeit und selten auch der Romantik auf, befindet Lorenz, und das tue den Geschichten gut: Eine intensive Beziehung zum Wasser, Vögel als Leitmotiv und eine auffällige Körperlichkeit erzeugen bei der Kritikerin eine größere Nähe zu den Figuren, die hier in Russland, Schnellroda oder Kalifornien unterwegs sind. Trotzdem mit dabei seien aber Hegemann-Klassiker wie unvorhergesehene Satzverläufe, "Schocker" (wie z.B. ein Traum von Schokolade aus Muskelfleisch) und allerlei Ideen, die auf Hegemanns "wunderbarem Friedhof der Plot-Twists" ins Leere laufen, verspricht Lorenz, und auch das könne die Autorin einfach "hervorragend". Dennoch eine neue, menschlichere Note in diesem Band, die der Kritikerin gut gefällt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.06.2022

Rezensent Miryam Schellbach pfeift drauf, ob Helene Hegemanns neue Texte Stoff für Proseminare abgeben oder nicht. Ihr bedeuten die Geschichten um gescheiterte Dreier, Pfauen ohne Rad und Männer mit zu viel Ego, dass die Autorin auch die kleine, leise Form im Griff hat. Hegemanns coole Bestandsaufnahme des Durchschnitts der Thirtysomethings besticht laut Schellbach durch die Kunst, möglichst knapp eher unsympathische Figuren "mit viel Reibungsfläche" zu entwerfen. Aufgelöst wird dabei nichts, meint die Rezensentin. Das ergibt "herrlich widersprüchliche Prosa", findet sie.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.06.2022

Rezensent Florian Eichel hält die Erzählungen von Helene Hegemann für "über weite Strecken" gelungen. Schwach sind die Texte über 30-Jährige zwischen USA und Berlin, die mit dem kapitalistischen System hadern, gleichgültig Sex haben und unter Hyperempfindlichkeit und Entfremdung leiden, laut Eichel immer dann, wenn Hegemann die Fragilität des Textes nur vorzutäuschen scheint, Gegenwartsdiagnosen formuliert und auf die nächste popliterarische Pointe zielt. Abgesehen davon aber überzeugen die Texte Eichel mit einem introspektiven, "kühlen Forscherblick" und allerhand lyrischen Sahnehäubchen.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 09.06.2022

"So unverbraucht wie Helene Hegemann schreibt niemand über Weltschmerz", freut sich Rezensentin Miriam Zeh nach der Lektüre dieses Kurzgeschichtenbandes. Aber die Kritikerin muss auch einiges aushalten, wenn ihr Hegemann mit gnadenloser Brutalität von drogensüchtigen Prostituierten, Ekel und dem "Macht- und Gewaltfetisch" unserer Gegenwart erzählt. Auch formal verlangen die Texte dem Leser viel ab, warnt Zeh vor: Logik, Chronologie und Stringenz sind Hegemanns Sache nicht - macht aber nichts, räumt die Rezensentin ein, denn die Bilder sind kraftvoll genug. Und am Ende gibt's sogar ein bisschen Trost, versichert sie.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.06.2022

Rezensentin Julia Encke sieht sich in Helene Hegemanns Buch zunächst vor einen Widerspruch gestellt. Denn die Regisseurin, die gerade von Schirachs "Subotnik" fürs Fernsehen adaptiert hat, gehe in ihrem Buch scheinbar gegensätzlich vor: gerade nicht schematisch wie bei von Schirach, sondern assoziativ, "antididaktisch" und aufsässig gehe es in den Geschichten zu, die alle von "aufständischen Körpern" erzählen; im Aufstand gegen Krankheiten, gegen die Liebe oder gegen Machtgefälle. Aus einem Gespräch mit der Autorin erfährt Encke allerdings, dass sich Hegemanns Schreibtechnik - mit der Hand, ohne konkrete Vorhaben - gar nicht so sehr von ihrer Filmtechnik unterscheidet: auch hier wurde den Schauspielern, allein in einem Raum mit versteckter Kamera, viel Freiraum gelassen, erklärt Encke. Ein "grenzüberschreitender", freier und darin fruchtbarer Stil, findet die Kritikerin, für den sie sogar die direkten Ansprachen ans Lesepublikum in Hegemanns Buch gerne in Kauf nimmt.