Nancy Hünger

Wir drehen dem Meer unsere Rücken zu

Roman
Cover: Wir drehen dem Meer unsere Rücken zu
edition Azur, Dresden 2025
ISBN 9783942375771
Broschiert, 152 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Er - ein Fluchttier, immer auf dem Sprung, getrieben von einer Angst, die er nicht zugeben kann. Sie - auf der Suche nach Geborgenheit, nach Zugehörigkeit, nach einem Gegenüber, das bleibt. Zwei Menschen, die sich berühren, verhaken, verlieren - und nicht voneinander lassen. Auf einer kanarischen Insel, der erbarmungslosen Sonne ausgesetzt, reiben sie sich aneinander ab. Diese Liebe ist eine Entscheidung. Ein Trotzdem. Ein Jetzt erst recht. Doch wie viel Reibung hält Nähe aus? Und wie entkommen wir den Mustern, die tief in der Haut sitzen: der Härte, die von Männern erwartet wird, der Anpassung, die Frauen gelernt haben? Nancy Hünger schreibt über Scham und Stolz, Entfremdung und Anziehung. Über das Unmögliche und das Trotzdem.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.12.2025

Rezensentin Beate Tröger findet kein Happy End in Nancy Hüngers Buch über die symbiotische Beziehung zweier neurotischer Charaktere. Was die beiden Figuren aneinanderbindet, kann Tröger nur ahnen, aber es verheißt nichts Gutes, meint sie, eher Aggression und Gewalt. Die poetischen "Miniaturen" im Buch klingen für Tröger mitunter wie therapeutische Gespräche, dann wieder wie essayistische Seitenblicke auf literarische Klassiker von Roland Barthes oder Alain Badiou.  Betrüblich zu lesen, meint Tröger. Wenn sich mit einer Reise die seelische Verschlungenheit der beiden zu lösen scheint, ist Tröger erleichtert. Ein "atmosphärisch dichtes", zartes wie heftiges Buch, findet sie.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 23.10.2025

Nur wenige Kleinigkeiten ziehen diesen Roman über eine manipulative, Rezensent Nico Bleutge spricht vorsichtig von einer "toxischen", Beziehung runter. Die Erzählerin, Anfang 40, lernt über Tinder einen älteren Vater dreier Kinder kennen. Der daraus entstehenden Liebesbeziehung fehlt es gänzlich an der Verliebtheit, die so oft am Anfang romantischer Beziehungen steht, erfahren wir. Stattdessen kämpft sich die Erzählerin durch lange Streitereien und alltägliche Liebesenthaltungen. Bleutge sieht das Herz des Buches in seiner präzisen, von einer dreifachen Beobachtungsperspektive bestimmten Struktur: Die Erzählerin blickt nicht nur auf sich selbst, sondern gleichzeitig auf ihren neuen Partner und die Beziehung. In kurzen Prosa-Blöcken, bei denen der Kritiker lobend sowohl an Gedichte als auch an Kurzessays denken muss, arbeitet die Erzählerin nicht nur familiär übernommene Verhaltensmuster auf, sondern geht auch den Ursprüngen ihres eigenen Schreibens nach. Die hierin eingewobenen Zitate von etwa Roland Barthes, Joan Didion und Mareike Fallwickl wirken auf Bleutge etwas exzessiv. Doch das sprachlich nuancierte, letzte Drittel des Textes kann sich von dieser Theorielast befreien, freut sich der Kritiker. Darin unternehmen die Figuren zur erhofften Rettung der Beziehung einen Trip auf die kanarischen Inseln, wo es Hünger eindrücklich gelingt, die Beziehungsdynamiken als Landschaftsbild in "eine Art Meereserzählung" zu überführen. 

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