Gehört der Weimarer "Musenhof" ins Reich der Legende? Was bleibt, wenn sich die vielzitierte "Tafelrunde" der Herzogin Anna Amalia als Fiktion herausstellt? Die Klassik Stiftung Weimar hat ihr Jahrbuch 2007 dem 200. Todestag Anna Amalias und dem 250. Geburtstag ihres Sohns, Großherzog Carl August, gewidmet. Die Braunschweiger Prinzessin, die als 19jährige die Regentschaft im Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach übernahm, Wieland als Prinzenerzieher an den Hof berief und die Künste förderte, gilt bis heute als »Wegbereiterin« der Weimarer Klassik. Neue Forschungen revidieren jedoch das verklärende Bild vom »Musenhof« und seiner "Begründerin". Der vorliegende Band enthält Beiträge u.a. zum Verhältnis Anna Amalias zu den literarischen Werken und wissenschaftlichen Diskursen ihrer Zeit, zur Freundschaft und den administrativen Beziehungen zwischen Goethe und Carl August, zu den Verbindungen zwischen Weimar und Jena sowie zur Rolle der Jenaer Universität.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 10.04.2007
Ein Jahrbuch, aber zum Glück kein Huldigungsbuch sei hier entstanden, begrüßt Rezensent Alexander Kosenina eine "klare und nüchterne" Publikation. Weimar werde nicht zum Nabel der damaligen europäischen intellektuellen Welt verklärt, international seien doch eher die Höfe in Dresden, Mannheim oder München gewesen. Als Beispiel für den gleichwohl geistigen Horizont der Anna Amalia verweist der Rezensent auf die Anstellung des "Jungschriftstellers" Goethe noch zu ihrer Regierungszeit. Später habe sie mit ihrer "Tafelrunde" und dank ihrer Berufungspolitik von Dichtern und Denkern das kulturelle "Ereignis" Weimar geschaffen, bei dem sich die aristokratische Welt vergleichsweise ungezwungen mit der bürgerlichen vermischt habe. Ein in Rom gemaltes Porträt der italienreisenden Anna Amalia zeige beispielsweise ihre Neigung zu den Werten der bürgerlichen Klasse: Bücher und Notenblätter seien hier zu sehen. Diese gewissermaßen bescheidene Geste habe sie nicht davon abgehalten, präsentiert der Rezensent ein weiteres Detail, bei dieser Reise ganze vierzig Jahresgehälter eines Weimarer Spitzenbeamten, noblesse oblige, zu verschleudern.
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