Eine weiße Stadt am Meer, südlich von Rom: verwinkelte Gassen, Fischerkneipen und ab und an ein magischer Platz, der den Blick auf das Meer freigibt, das in der Sonne glitzert. Hierher hat sich der Schriftsteller Henning Boysen zurückgezogen, um seinen neuen Roman zu schreiben. Da erhält Boysen Post aus Deutschland. Sein krebskranker Vater Edmund ist ins Altersheim gezogen; der Sohn soll kommen und ihm helfen, sich dort einzurichten.Edmund Boysen war Zeit seines Lebens Seemann mit Leib und Seele. Jetzt, viele Jahre später, ist er dabei, seine letzte Reise anzutreten. Zuvor aber erzählt er dem Sohn noch einmal von dem, was ihm wichtig war im Leben. In diesen Gesprächen nimmt Henning Boysen Abschied von dem Vater. Aber es brechen auch die Traumata seiner Kindheit und Jugend wieder auf: das schwierige Verhältnis zur dominanten Mutter, der Kampf um die Liebe des meist abwesenden, strengen Vaters. Doch am Ende gelingt es Boysen, die Dämonen der Vergangenheit zu besiegen. Zum ersten Mal in seinem Leben ist er frei, wirklich frei.
"Es hätte ein großer Roman werden können", seufzt Rezensent Martin Lüdke enttäuscht über diese Sohneserzählung vom Tod der Eltern. Doch weil der Autor seinem "starken" Stoff nicht vertraut, ihn in erzählerische Mätzchen wie Rahmenhandlung einklemmt und nebenbei auch noch eine Liebesgeschichte erzählen will, ist es nur ein kleiner Roman geworden. Dessen verschiedene Stränge findet Lüdke teilweise sehr kunstvoll, oft eben aber nur künstlich und entsprechend "knirschend" zusammengesetzt. Zwar kann Henning Boetius ihn immer wieder mit "eindrucksvollen Bildern für Erinnerung" oder "unmerklichen Übergängen" zwischen Vergangenheit und Gegenwart beeindrucken. Besonders die Kerngeschichte, in der Boetius versucht, im Sterben der Eltern deren Leben zu rekonstruieren, um sich darin selbst begreifen zu können, begeistert den Rezensenten und lässt ihn dann umso mehr den "großen Roman" vermissen, der aus diesem Buch leider nicht geworden ist.
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