Lorenz Hemicker

Mein Großvater, der Täter

Eine Spurensuche
Cover: Mein Großvater, der Täter
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783737102179
Gebunden, 256 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Im Spätherbst des Jahres 1941 ermorden die SS und ihre Helfer über 27.000 Juden im Wald von Rumbula. Die Gruben, in denen die Menschen erschossen werden, konstruiert der SS-Offizier Ernst Hemicker. Verurteilt wird er dafür nie. Lorenz Hemicker wächst Jahrzehnte später mit einer vagen Ahnung auf, welches Verbrechens sich sein Großvater schuldig gemacht hat. Er kennt nur ein paar Sätze, die sein Vater bei jeder sich bietenden Gelegenheit im Freundes- und Bekanntenkreis wiederholt. Als beide nach Lettland reisen wollen, um mehr über die Taten von Ernst Hemicker zu erfahren, stirbt der Vater unerwartet. Für Lorenz Hemicker wird diese Zäsur der Beginn einer jahrelangen Suche nach den Spuren seines Großvaters. Sie führt ihn an den Ort des Massakers, zu Überlebenden des Holocaust in Riga und in die Tiefen deutscher Weltkriegsarchive. Dabei entsteht das Bild eines Mannes, der - wie viele andere mit ihm - vom Jedermann zum Täter wird und dessen Taten seinen Sohn und seinen Enkel noch lange über seinen Tod hinaus wie ein Schatten begleiten. 

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 18.09.2025

Ahnengeschichten, die sich mit den NS-Verbrechen der Vorfahren befassen, haben Konjunktur, hält Rezensent Lucien Scherrer fest: Nun hat er das Buch des Journalisten Lorenz Hemicker vor sich, der sich mit seinem Großvater Ernst Hemicker auseinandersetzt. Dieser habe als SS-Mann Massenerschießungen von Juden in Lettland beaufsichtigt, für die er sich nie habe verantworten müssen. Auch in diesem Bericht lernt Scherrer nicht wirklich Neues zum NS oder zum Holocaust, bekommt aber nochmal in aller Deutlichkeit vorgeführt, wie Deutschland seine Verantwortung in der Nachkriegszeit verdrängt hat. Scherrer kritisiert den etwas reißerischen Gestus, mit dem der Verlag das Buch anpries -  Hemickers nüchterner Ton steht in angenehmem Gegensatz dazu. Was dem Kritiker nicht so gut gefällt, ist, wie Hemicker auf die aktuelle Situation blickt. Eine Anekdote über die Begegnung mit einem lettischen Juden macht klar, dass der Autor zwar seine eigene Geschichte aufgearbeitet hat, sich den Gefahren, denen Juden heute ausgesetzt sind, wie zum Beispiel muslimischem Antisemitismus, nicht bewusst ist. So zeige er unbewusst den "wohl problematischsten Aspekt der deutschen Erinnerungskultur" auf - überzeugt, auf der richtigen Seite zu stehen, blind zu werden für die Aktualität. Trotzdem ein lesenswertes Buch, versichert der Kritiker.

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