Herbert Kapfer

Der Planet diskreter Liebe

Roman
Cover: Der Planet diskreter Liebe
Antje Kunstmann Verlag, München 2025
ISBN 9783956146237
Gebunden, 240 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

München 1975: Bea und Kai sind um die 20, leben in der Kommune kollektiv 7 und arbeiten am Umsturz der gesellschaftlichen Verhältnisse. Kai, Arbeiterkind, Schulabbrecher und Ausreißer, begeistert sich für den Dichter Rolf Dieter Brinkmann und für Charles Fouriers Utopie einer Gesellschaft der Leidenschaften und des Glücks. Bea, die aus "gutem Hause" stammt, engagiert sich in einer radikalen Frauengruppe und ist eine glühende Anhängerin der Künstlerin VALIE EXPORT und des Öko-Feminismus, wie ihn Françoise d'Eaubonne in ihrem Klassiker "Feminismus oder Tod" beschreibt: Das patriarchale System kann nur durch eine ökofeministische "Mutation" gestürzt werden. Aber wie lässt sich dieser Machtwechsel im Jetzt realisieren?Vor einer gemeinsamen künstlerischen Protestaktion erproben Bea und Kai hinter verschlossenen Türen die Umkehrung der patriarchalen Verhältnisse: Sie beginnen eine sado-masochistische Beziehung, in der ER der Diener und Glücksbringer und SIE die Herrin und Königin ist. Für Bea und Kai ist das ein gelebtes Modell, ein erster Akt, um die "Mutation" in der Welt zu realisieren. Doch lässt sich daraus eine "planetarische Bewegung gegen die Phallokratie" organisieren, wenn das Experiment in den eigenen vier Wänden bleibt?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.07.2025

Rezensentin Lerke von Saalfeld ist Fan von Herbert Kapfer, der nicht nur bis 2017 das Hörspiel beim Bayerischen Rundfunk revolutionierte, sondern in seinen Romanen auch unbekannte Bücher meist toter AutorInnen neu erweckt und Vergangenheit und Gegenwart zu einem feinen Netz der Ideengeschichte spinnt. Entsprechend begeistert folgt sie diesem "brillanten Wirrkopf" ins München des Jahres 1979, genaugenommen in die Kommune "kollektiv 7", in der Rolf-Dieter-Brinkmann-Adept Kai von der radikalen Ökofeministin Bea bedingungslos unterworfen wird: "Nur Frauen können den Planeten retten", lernt er; zudem verpflichtet sie ihn zur Lektüre von Beauvoir, Barthes, Kate Millett oder Valeria Solanas. Beim Sex darf er an Beas Ohr knabbern, sein Glied darf sich aber keineswegs erheben, erzählt Saalfeld. Allein Kapfers virtuose Beschreibungen dieser erotischen Szenen lohnen die Lektüre, meint die Kritikerin, die den Roman aber auch darüber hinaus begeistert gelesen hat. 

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 21.06.2025

Herbert Kapfer bringt in seinem neuen Roman die 1970er Jahre als Zeit des Radikalfeminismus wieder aufs Tableau, hält Rezensentin Julia Hubernagel fest: Die WG-BewohnerInnen Kai und Bea streiten sich über die Theorien von Charles Fourier und seiner "Erotisierung der Arbeit", um Sadomaso-Sex (den Hubernagel sprachlich allerdings etwas ermüdend findet) und um Françoise d'Eaubonnes Ökofeminismus. Gerne liest die Kritikerin diese Auseinandersetzungen um Polygamie, insbesondere wegen der "dicken theoretischen Polsterung", die Kapfer hier auffährt, um Feminismus und soziale Reformen zu verbinden.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 22.05.2025

Mit zahlreichen Anekdoten, Referenzen und "viel Zeitkolorit" wird dieses Buch für den Rezensenten Michael Schmitt "zum reichhaltigen Speicher zeitgeschichtlicher und historischer Referenzen". Einerseits ist für den Kritiker schon spannend, wie Herbert Kapfer, an einer sadomasochistischen Zweierbeziehung die politische Kultur der Siebziger Jahre seziert. Bea und Kai, sie ist dominant er der Untergebene, leben in einer WG und streben den Umsturz des Patriarchats an. Beziehungsweise Bea strebt ihn als Radikalfeministin an, Kai macht als ihr Sklave, erstarrt in Begehren und Ehrfurcht, mit. Leider verkommen dem Rezensenten die Figuren im Laufe der Handlung zu sehr zu "Sprechpuppen", die feministische und philosophische Theorien wiedergeben. Auch die Abhängigkeitsdynamik wird für Schmitt im Verlauf der Handlung immer weniger interessant, da verliert sich auch die Ironie des Ausgangsplots. Leider etwas "ermüdend", findet der Kritiker. 

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