Aus dem Englischen von Laura Su Bischoff und Ulrike Bischoff. Ob Care-Arbeit, Erziehung oder Bildung: Viele Bereiche unseres Alltags sind ungerecht organisiert - zumeist tragen Frauen die Hauptlast. Sie sollen sich um die Kinder kümmern, den Haushalt besorgen, die kranke Verwandtschaft pflegen und ihre ökonomische Unabhängigkeit doch gefälligst für ein Leben in der Kleinfamilie aufgeben. Im Laufe der Geschichte haben Philosophen, Aktivistinnen und Pioniere nach alternativen Lebensformen gesucht: von den rein weiblichen "Beginenhöfen" im mittelalterlichen Belgien über die matriarchalischen Ökodörfer im heutigen Kolumbien; von der Kommune des Pythagoras bis hin zu Produktions- und Wohngenossenschaften frühsozialistischer Utopisten. Kristen Ghodsee hat zahlreiche inspirierende Beispiele zu einer radikal hoffnungsvollen Vision versammelt. Einige dieser Experimente waren ein kurzes Leuchtfeuer, andere sind der lebende Beweis dafür, dass eine andere Welt möglich ist. Utopien für den Alltag ist auch ein praktischer Leitfaden für alle, die auf der Suche nach Ideen sind, wie wir gleichberechtigter und glücklicher leben können.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 14.12.2023
Zeitverschwendung: So lautet das einigermaßen unmissverständliche Urteil der Rezensentin Katharina Teutsch über Kristen R. Ghodsees Buch über antipatriarchale Utopien. Ausgehen vom Befund, dass im modernen Kapitalismus nach wie vor vor allem Frauen schlechte Karten haben, erkundet Ghodsee laut Teutsch eine Reihe von Gesellschaftsexperimenten, die historisch gezeigt haben, dass Patrilokalität und Patrilinearität, also eine um Familienväter herum zentrierte Gesellschaftsordnung, nicht alternativlos ist. Bis zurück zu Platon bewegt sich das Buch, erfahren wir, Ghodsee beschäftigt sich außerdem unter anderem mit den Musou in Tibet, wo die Männer die Frauen lediglich besuchen und mit frühsozialistischen Versuchen in Gleichberechtigung. Freilich wird das alles und noch viel mehr grad mal nur angerissen, moniert die Rezensentin, und mit den Lebensweisheiten, die Ghodsee zwischendurch einstreut, kann Teutsch erst recht nichts anfangen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 14.10.2023
Rezensentin Christiane Lutz lässt sich von der amerikanischen Professorin für Russische und Osteuropäische Studien Kristen G. Ghodsee zum Träumen von alternativen Wohn- und Gesellschaftsformen anregen. Im Wesentlichen geht es der Autorin um Kritik an einem Modell, dass die Kernfamilie aus Mutter, Vater, Kind zum Leben in einer Wohnung zwingt, wodurch patriarchalische Strukturen aufrecht erhalten werden, lesen wir. Dabei gab und gibt es zahlreiche alternative Wohn- und Familienmodelle, wie Ghodsee nicht nur mit Blick auf Platons "Staat", Klosterorden oder Kibbuzim in Israel aufzeigt, so Lutz: Hier wurde Betreuung und Erziehung aufgewertet und das Leben für alle vereinfacht. Die bei uns gängige Lebensform dient aber lediglich dem Schutz von Eigentum, männlichen Interessen oder denen der Kirche, lernt die Kritikerin, die dem Buch auch den etwas "pathetischen" Schluss verzeiht.
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