Im Sommer 1975 reist Hannah Arendt ein letztes Mal von New York in die Schweiz, in das Tessiner Dorf Tegna. Von dort fliegen ihre Gedanken zurück nach Berlin und Paris, New York, Israel und Rom. Und sie erinnert sich an den Eichmann-Prozess im Jahr 1961. Die Kontroverse um ihr Buch Eichmann in Jerusalem forderte einen Preis, über den sie öffentlich nie gesprochen hat. Mit profunder Kenntnis von Leben, Werk und Zeit gelingt Hildegard Keller ein intimes Porträt, ein faszinierend neues Bild einer der bedeutendsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts.
Rezensent Jens Uthoff hat die Verhandlung bekannter Sujets nicht davon abgehalten, diesen Roman zu Hannah Arendt zu genießen: Durch die Einbettung in den alltäglichen Hintergrund eines Lebens gewinnen die Erzählungen von den Kontroversen, die Arendts Werke auslösten, an Lebendigkeit, lobt er: etwa wenn Arendt und Blücher zusammen am Küchentisch sitzen die Formulierung von der "Banalität des Bösen" diskutieren, während sie sich mit Kosenamen ansprechen. Besonders gefreut hat den Kritiker, hier Arendts bisher kaum beachtetes Faible für Lyrik ausgestaltet zu finden.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 16.03.2021
Rezensent Hildegard Keller fiktionalisiert mit ihrem Roman "Was wir scheinen" die Debatte um Hannah Arendts Prozessbericht "Eichmann in Jerusalem" und ihren Begriff von der "Banalität des Bösen", die Rezensent Michael Braun etwas flapsig zum ersten "Shitstorm" der modernen Ideengeschichte deklassiert. Keller fasst sie in fiktive Dialoge, in denen sie Arendts Freunde und Weggefährte zu Wort kommen lässt. Dem kann Braun manch spannende und mitreißende Passage abgewinnen, aber die Beschreibungen der Tessiner Landschaft, in die Keller ihre Heldin Zuflucht suchen lässt, erscheinen ihm etwas zu kulinarisch.
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